Sonntag, 27. Februar 2011

Samstag, 26. Februar 2011

Angst essen Solidarität auf


Woran man Zugereiste in Neukölln erkennt? Sie schwanken. Hin und Her. Die alte Sprache ist ihnen so vertraut, wie die neue fremd. Das kann Angst machen. Oder ist Anderes gemeint? Beunruhigt das ganze Gesafte, das die Haltung der europäischen Staaten gegenüber den Aufständen in Nordafrika begleitet? Angst essen Seele auf, gab Fassbinder zu bedenken. Angst essen Solidarität auf, bezeugen Tag für Tag die von uns gewählten Politiker. Andere formulieren das etwas unhöflicher und ganz angstfrei:

„Das ist ein Ausmaß an Verkommenheit, ich sage es: Kriminalität und Komplizenschaft, wie es in einigen europäischen Regierungspalästen normal geworden zu sein scheint. Die Ägypter sind für Freiheit, Würde, Rechtsstaatlichkeit, Chancengleichheit auf die Straße gegangen, für Ideale, die eigentlich die "unsrigen" sind und die uns - das muss man sagen - verloren gegangen sind, für die wir kaum noch eintreten, schon gar nicht in der Welt.“

Freitag, 25. Februar 2011

Neue Zeiten


Eine schwere Last ist von uns gefallen. Die Kanzlerin hat uns Absolution erteilt. Ab sofort lebt es sich leichter! Lügen, Diebstahl und Betrug - auch mit Vorsatz - gelten fürderhin als lässliche Sünden und kleine Vergehen. Ertappt? Macht nicht’s! Schwamm drüber, weiter geht’s. Der Mensch hat, wie wir ja wissen, viele Seiten und Gesichter. Fischt die eine im Trüben, muß man ja die andere nicht gleich außer Dienst stellen. So entkernt, ohne inneres Band, fallen Schlagschatten immer in’s Nichts. Ein Jahrhunderte altes Projekt - die Verknüpfung von Person und Verantwortung - kommt an’s Ende. Wer qua Geburt Recht hat, kann kein Recht beugen. Legitim ist, was dem Machterhalt nützt. Macht geht vor Recht. Ein großer Beitrag zur Entrümpelung überkommenen Kulturgutes. Allen voran die Pädagoginnen und Lehrer im Lande werden es der Kanzlerin danken. Die anstrengenden und nie endenden Erziehungsbemühungen und Diskussionen rund um’s Aushandeln von grundlegenden Regeln des Miteinander, des Anstands, des Respekts gegenüber Hab, Gut und Gedanken anderer können ersatzlos entfallen. Das spart Kraft, glättet das Nervenkostüm und Gutt is’, sagt Merkel.

Mittwoch, 23. Februar 2011

Dienstag, 22. Februar 2011

Sonntag, 20. Februar 2011

Samstag, 19. Februar 2011

Freitag, 18. Februar 2011

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Ein Lehrstück der besonderen Art? Leider nein. Ein Stresstest. Für Öffentlichkeit, Politik und Medien im Lande. Ein pomadig gestriegelter Hochstapler, jung, adrett, „adligen Blutes“, ist angetreten, den Beweis dafür zu erbringen, das Sachkenntnis, intellektuelle Redlichkeit und umsichtige Amtsführung in der Politik nicht (mehr) gefragt sind. Was, darauf läuft der Test hinaus, kann man Bürgerinnen und Bürgern alles zumuten, bevor die Schmerzgrenze erreicht, Anstand und politische Vernunft so weit aus dem Blick geraten sind, dass selbst den Gutwilligsten schwarz vor Augen wird. Sekundiert wird die Versuchsaufstellung durch die „Hofberichterstattung“ einer willfährigen Presse und von einer Regierungsmannschaft, die alle Latten ausgehängt hat, damit dem guten Mann beim Schaulaufen die Fesseln nicht wund werden. Spannend auch: Solche Leute leuchten das Umfeld aus. Wir wissen nun, dass Universitäten und „Doktorväter“, wie in Bayreuth geschehen, Gefälligkeitsgutachten erstellen. Summa cum laude. Den Titel gibt’s umsonst, wenn Abstammung, politische Seilschaften, Geld - oder was immer es auch gewesen sein mag - stimmen. Dann, so ist den Universitäten zu raten, bitte doch „ehrlich machen“ und Adligen den Titel qua Geburt zukommen lassen. So viel haben wir in den letzten Jahren ja verstanden: Leistung und Lohn, Tun und Titel haben in diesem Lande nichts (mehr) miteinander zu tun. Von Thun und Thaxis aber schon. Der Clou des Ganzen: In dieser Gemengelage gelingt der Blick in die Tiefen der Bühne nicht (mehr). Mit dem Umbau der Bundeswehr werden Weichen gestellt für die nächsten Jahrzehnte. Die Bundesrepublik wird ein anderes Gesicht bekommen. Wo sind die breiten Diskussionen über Berufsarmee, Sicherheitspolitik, Rüstungskontrolle, Auslandseinsätze? Nicht zu sehen und nicht zu hören. Das allerdings stresst!

Donnerstag, 17. Februar 2011

Mittwoch, 16. Februar 2011

5mal


Vorbeisehen (5 - 5)

Dienstag, 15. Februar 2011

4mal

Vorbeisehen (4 - 5)

Montag, 14. Februar 2011

3mal


Vorbeisehen (3 - 5)

Sonntag, 13. Februar 2011

Kerniges Neukölln


Beiseite gespuckt oder absichtsvoll gepflanzt: Der Kern tut, was er tun muß. Aufplatzen, treiben, im Boden verhaften, wachsen, Blätter, Blüten, Bäume ausbilden. Ende und Anfang in einem. Ewiger Kreislauf, Entwicklung, Wiederkehr. Künstlerinnen und Künstler tun, was sie tun wollen. Farbschöpfung und Formgebung, seitwärts „geworfen“ oder absichtsvoll gemalt, sind Eingriffe, Grenzmarkierungen. Sie geben Entwicklung Richtung und Gestalt. Was wächst, muß nicht wiederkehren, was haftet, kann „überschießen“, was treibt, kann anderen Ortes neue Verbindungen eingehen. So wie Uta Zeidler und Gerard Waskievitz es in der „Alten Kindl-Brauerei Neukölln“ machen. Artverwandt und doch ganz verschieden. Arbeitet der eine von „innen nach außen“, arbeitet die andere von „außen nach innen“. Gerard Waskievitz „schält“ in seinen Bildern Themen wie Personen aus der Erinnerung hervor. Schemenhaft, zwischen Aufscheinen und Verschwinden, traumverwandt. In Teilen klar konturiert, sind andere Partien - Gesichter wie Orte - in Gestalt, Licht und Farbe verwaschen, entrückt, verloren. Ihren Teil der Geschichte erzählen sie dennoch. Uta Zeidler arbeitet aus der Fläche heraus und in die Fläche hinein, was nicht zwingend zusammengehört, aber alltäglich Vorstellungskraft und Phantasie „bedrängt“. Sie folgt populären Sujets und rückt assoziativ Themen, Figuren, Landschaften, abstrakte Flächen in- und übereinander. „Klar Schiff“ machen andere, sofern Ordnung gemeint ist. „Klar Schiff“ heißt bei ihr, dass Hunde, Sessel, Hai und Boot in schwerer See wie selbstverständlich Teil einer Bildkomposition sind. So schafft man Sicht in unwegsamen Welten. Aufsuchen, sehen, entkernen, das Ambiente genießen, kaufen. Die CoachingCulture Galerie hat den Jahreswechsel im Übrigen für eine Häutung genutzt. Sie hört künftig auf den Namen Michaela Helfrich Galerie.

Samstag, 12. Februar 2011

Neuköllner Brauch


Ein alter Brauch. Nur in Neukölln beheimatet und verbreitet. Über den Ursprung ist wenig bekannt. Fallen in anderen Städten und Ländern die Leute „mit der Tür in’s Haus“, heißt es in Neukölln einmal im Jahr: stellt “die Tür außer Haus“. Was soviel heißt wie: „Seid willkommen“. Ein Tag der offenen Tür. Früher führte dieser Brauch häufiger auch zum „Türentausch“. Ein Versuch, besondere Verbundenheit zu bezeugen. Im Zuge der Entwicklung des Rechtssystems, der Rechtsprechung, der zunehmenden Bedeutung von Eigentum und Rechtstiteln, ließ man von letzterem wieder ab. Zivil- und Familiengerichte beschwerten sich über zusätzlich anfallende Arbeit, die Kirchen beklagten, hier würden „Unzucht und Liederlichkeit“ Vorschub geleistet, was „dem sittlichen Fortgang des einfachen Volkes nicht dienlich sei“. Nicht verbürgt ist die Vermutung anderer, das die DIN-Normen für Zargen, Türen und Schlösser hier ihren Ursprung haben. Wieder andere bringen diesen Brauch mit dem „Schmalmachen“ in Verbindung. Die „Tür vorm Haus“ signalisierte den wandernden Handwerksgesellen, dass das zünftige Vorsprechen bei Krautern (Meistern), Innungen, Handwerkskammern, Gewerkschaften, Schlachter-, Bäcker- und Brauereien nach einer kleinen Reiseunterstützung, einem Wegzehr, einem Labetrunk oder einem kostenlosen Nachtquartier genehm sei. Zuletzt machte das Gerücht die Runde, dass ein Verfahren anhängig sei. Der Rechteinhaber des „patentgeschützten“ Bildtitels „Die Tür außer Haus“ sah den Markenschutz verletzt durch Handelsketten, die den Aufkleber „Alles muß raus“ für Schluß- und Resteverkäufe nutzten. Man sieht, auch ein kleiner Brauch kann große Folgen zeitigen. Zumindest in Neukölln.

Freitag, 11. Februar 2011

2mal


Vorbeisehen (2 - 5)

Donnerstag, 10. Februar 2011

1mal


Vorbeisehen (1 - 5)

Mittwoch, 9. Februar 2011

Vorbeisehen


Ablegen, liegen lassen, vergessen. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Eine Vorform des Verschwindens. Des unbedachten Abschiednehmens. Ein klein bisschen gewollt, verschämt beiläufig erledigt, häufiger auch gänzlich absichtslos. Kein gespürter Verlust, mehr ein Räumen. Platz schaffen. Beiseite legen. Was das mit der Foto-Kryptik zu tun hat? Bilder machen und begründen keinen Sinn. Sie tragen das Signum des Vergessens bereits in, besser, an sich. Sie ordnen bzw. räumen. Ununterbrochen. Anders formuliert, sie tackten ein, geben Raum und Zeit Struktur und Betrachterinnen und Betrachtern Orientierung. Hielte sich jemand an einem „Bild“ zu lange auf, fällt sie oder er aus „dem Rahmen“. Im „Alltagsmodus“ undenk- und nicht lebbar. Belanglos wird das Bild, werden Bilder dadurch nicht. Sie „halten“, als Sehen, am Leben. Tag für Tag. Sinn geben Kontext, Gruppe, situatives Erleben, ästhetische Gepflogenheiten, Kommunikation und vieles mehr. Heben Kunst und Muße Bilder aus Fluß und Geschwindigkeit heraus? Nicht wirklich. Sie erwirken einen zeitlichen Aufschub und schaffen Resonanz für eine Reflexion, die aus dem Verschwinden ein bedachtes Abschiednehmen - so oder so - macht. Im Wissen darum, das ich Ort und Gegenstand des Betrachtens verlassen muß, dass jede Bildbetrachtung eine Bilderflut auslöst, die das Vorhandene „kenntlich stanzt“ und mit allerlei Bedeutungen „überwölbt“ und „verdrängt“, liegt der Gewinn - neben dem ästhetischen (Miß)Vergnügen - im Genuß daran, „Zeit gehabt“ zu haben. Die Foto-Kryptik, kommen wir auf den Anfang zurück, kennt keinen Stil-Willen, keine Objektreferenz, keine Ordnung. Ablegen, liegen lassen, vergessen ist ihr ein so selbstverständlicher Bewegungsmodus, wie Betrachterinnen und Betrachter die Bildinformationen im Vorbeisehen vergessen, um Platz zu schaffen für’s Leben.

Dienstag, 8. Februar 2011

Montag, 7. Februar 2011

Leidkultur


„Manche Umarmungen", sagt Salomon Korn, „(…) sind mit Vorsicht zu genießen. (…) Gewiss: Die Geschichte der Juden in Deutschland reicht 1700 Jahre zurück: aber Verfolgungen, Ausgrenzungen und Massenmord durchziehen diesen Zeitraum bis in die Neuzeit. "Christlich-jüdische Wurzeln" wird man da schwerlich finden.“

Sonntag, 6. Februar 2011

Erotisches Neukölln




Erotik ist die „tik“-Form von Erröten. „Erröten, Herzklopfen, ein schlechtes Gewissen – das kommt davon, wenn man nicht gesündigt hat“, sagt Karl Kraus. Aus unterschiedlicher Richtung rücken Sevgi Kaygun und Ulrich Rastetter Geschlechter in den Blick. Sündhaft spielerisch, phantasievoll, fließend, andeutend deutlich, mal grell, mal warm im Ton, verbogen, verschlungen, Körpergrenzen markierend und angenehm lustvoll. Eine Woche hat noch Zeit, wer sein schlechtes Gewissen, diese Ausstellung bisher nicht besucht zu haben, beruhigen möchte. Wer das nicht schafft, kauft Bierdeckel. Und trinkt sich einen.

Samstag, 5. Februar 2011

Alternativlos glücklich


Entropie ist ein Begriff aus der Physik. Er besagt, dass geschlossene Systeme eine Tendenz haben, ihre innere Ordnung zu verlieren und damit dem Chaos zustreben. Dieser Vorgang ist in geschlossenen Systemen nicht umkehrbar. Nur in offenen Systemen, beispielsweise in einem Organismus, kann aus Unordnung dank Selbstorganisation neue Ordnung entstehen. Politisch formuliert, Systeme, die keine Alternativen zur Verfügung stellen, bekommen über kurz oder lang Probleme. Sie sind, haben Interessen erst einmal den Kosmos weltanschaulich unproblematischer und allgemein geteilter Überzeugungen verlassen, unterkomplex. Schützt uns das vor Stillstand? Alternativlos sei die Kost, sagt Frau Merkel, die sie uns und ganz Europa angedeihen lassen möchte. Was sie damit sagt? Es gibt keine Alternative. Nicht im, nicht zum System. Entropie ist ein Begriff aus der Physik. Er besagt, dass geschlossene Systeme eine Tendenz …………………………

Freitag, 4. Februar 2011

Neuköllner Stolpern


Stolpern bringt aus dem Gleichgewicht. Was folgt, ist zumeist eine kurze, spontane Laien-Choreographie. Heftiges Rudern mit den Armen, Ausfallschritte, ein Hin und Her mit dem Oberkörper. Der Kopf kurzfristig abgeschaltet, alle Konzentration auf’s Wesentliche gerichtet: Den Ausgangszustand wieder herstellen. Gleichgewicht, Gradegehen, sein Ziel erreichen. Absichtsvoll gelegte Stolpergründe müssen sich „erklären“. Kommen sie glänzend daher, wollen sie den Kopf, nicht den Körper. Deutlich vom grauen Kopfsteinpflaster abgehoben, fallen sie auf: Die Stolpersteine. Mit der Gravur betritt man Namen und Daten. Hinweis auf Lebensgeschichten, die sich mit dem Haus verbinden, vor dem sie ins Pflaster eingelassen sind. Unaufdringlich aber andauernd erinnern sie an eine gern vergessene Dimension des Faschismus. Es waren Nachbarinnen und Nachbarn, Bürgerinnen und Bürger, die man gezeichnet, drangsaliert, entrechtet, beraubt, schließlich aus dem Haus geschleppt und ermordet hat. Die Steine rücken das Erinnern in die Mitte. In den Alltag. Wo es hingehört. Insbesondere in Deutschland. Wo die Mitte gern beschworen, aber vergessen wird, dass die „Zeit“ zwischen 1933 – 1945 ein Projekt der Mitte war. Organisiert, getragen, ideologisch ausstaffiert und finanziert von den damaligen alten wie neuen konservativen Eliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Heer und staatlicher Bürokratie. „Ränder“ mögen seismographische Funktionen haben. Sie besitzen aber weder die Kraft, noch das nötige „Know-How“, um Gesellschaften zu bewegen. Gefahr ist im Verzug, wenn, wie Heitmeyer u.a. jüngst beschrieben, in den „oberen Etagen“ eine „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ Fuß fasst und in eine aggressive, „rohe Bürgerlichkeit“ mündet. Ihr Fazit: „Bildung wirkt der Abwertung nicht entgegen“. Man kann es auch so ausdrücken, wie Jack Terry es vor wenigen Tagen in einem Interview tat. "Im Land von Schiller und Goethe und Kleist kann man sehen, dass Literatur und Kultur die Menschen nicht unbedingt humaner machen. Wenn ein Nazi den ganzen Tag lang Babys töten kann und nach Hause kommt und Beethoven oder Mozart hören kann, wie wollen Sie das erklären?" Jonathan Littell hat’s versucht. Sein voluminöses Werk - Die Wohlgesinnten - „imaginiert“ Geschichte, fußt auf präzise recherchierten Daten, Biographien, zeitgeschichtlichen Abläufen und veröffentlichten Forschungsergebnissen. Littell erzählt die Jahre 1941 – 1945 aus Sicht eines SS-Offiziers, Akademiker, Bach - Liebhaber. So wenig, wie der Roman „wahr“ ist und sein will, so viel „Wahrheit“ bringt er „an den Tag“. Es sei jeder und jedem empfohlen, die verstehen wollen, wie ein (klein)bürgerliches (Kultur)Milieu profanen Alltag, industrialisiertes Morden und Krieg „synchronisiert“. Ganz Mitte. Vor'm Haus, sozusagen, wo heute die Steine liegen. Das Neuköllner Kulturamt hat dankenswerterweise aus dem „Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus“ die Daten herausgefiltert, die sich auf Neuköllner Bürgerinnen und Bürger beziehen. Reinschauen.

Dienstag, 1. Februar 2011