
Raum ( 1 - 10)
Mit zunehmendem Alter - Lebensalter - verlieren Geschichten, Erlebnisse, Sachverhalte, Zusammenhänge an
Kontur. Vieles überlappt, fällt ineinander, rückt an einen anderen Platz, verliert an Schärfe. Ganze Zeitstrecken und Erinnerungen verblassen. Die emotionale Intensität, nicht zu verwechseln mit emotionaler Wärme, lässt nach. Aus Erlebnis
dichte weicht der
Überdruck. Andererseits
weitet sich - unaufhörlich - Summe und Spektrum dessen, was aufgenommen und
organisiert sein will. Unzählige Informationen, die Arbeit am
Gegenstand, Beziehungskontakte und Lebenserinnerungen
türmen sich als Ablagerungen in Form von alterszyklisch durchlaufener Erfahrung, erworbenem Wissen, erlebter Freude und gefühltem Leid zu
Lebens-Landschaften in ungeordneten Schichten
auf. Ein weites Gelände. Entgrenzt. Orientierung suchen ältere Menschen daher nicht im Detail. Orientierung liegt in der
Rahmung. Sie
funktioniert dann, wenn Raumerfahrung und
Unschärfe einander bedingen. Jenseits des
Tunnelblicks, der Unbedingtheit, des blinden Willens und überschießender Energie liegt ein „Reich“ der Weitläufigkeit und Gelassenheit. Was das mit Foto-Kryptik zu tun hat? Nur soviel, dass man nie
wissen kann, ob man einem Irrtum aufsitzt. Anders formuliert:
Falsche Gelassenheit bindet Erfahrung an die
Macht des Faktischen und bringt uns in Gegensatz zu
Autonomie. „Zur Sprache, die Autonomie versteht“, schreiben Negt und Kluge in einem anderen Zusammenhang, „gehört eher das Unbekanntmachen als die zusätzliche Häufung von Verständlichkeit.“ *
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Oskar Negt / Alexander Kluge, Geschichte und Eigensinn, Frankfurt a.M. 1981, S. 1089