In Räumen denken
Pasolini führt keine Verletzungen vor.
Pasolini setzt in seinem Film „Teorema – Geometrie der Liebe“
die Institution Familie einem Säurebad aus. Verletzungen setzen
Kommunikation und Auseinandersetzungen voraus. Diese Familie,
einschließlich der einzigen Hausbediensteten, verharrt in
Sprachlosigkeit. Der Film, wie auch der Roman, ist ein '68'er -
Kind'. Kapitalismus - das auf Ausbeutung beruhende Haben,
Besitzen,Verwerten - und die inneren wie äußeren Bande menschlichen
und unverstellten Zusammenlebens, Begehren, Wünsche, Vertrauen, in
der als Chiffre zu verstehenden Sexualität verdichtet, können und
kommen nicht zusammen. Dies die Ausgangslage, das Ausgangstheorem,
die Versuchsanordnung von Pasolini. Die Oper von Batistelli, seit Juni auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin, muss im
Heute, 55 Jahre sind seither vergangen, ankommen.
Wir sind mehrfach gefordert. Wir folgen
im ersten Teil einem eher traditionellen Musiktheater in
zweistöckiger, mit jeweils vier Räumen - Küche, Esszimmer,
Schlafzimmer, das Zimmer der Tochter - ausgestatteter Kulisse. Karg
eingerichtet, aber opulent und farblich raffiniert ausgeleuchtet. Das
Szenengeschehen, sparsam in den Bewegungen, fast schattenhaft
wirkend, wird immer wieder - wir kennen dies aus dem Theater - live
mitgeschnitten und zeitgleich auf Leinwand projiziert. So werden den
Spielszenen Goßaufnahmen der Familienmitglieder in Schwarzweiß
hinterlegt. Die Regie eröffnet einen weiteren Raum. Wir schauen
parallel zum Handlungsgeschehen einem Forschungsteam in sterilen
Laboranzügen zu. Wir beobachten die Beobachter so lange beim
Beobachten, bis sie Entscheidungen treffen und ins Spiel eingreifen.
In die 'Versuchsanordnung' schicken sie einen
der ihren als Besucher. Der mischt auf, bietet sich und seinen Körper
als Gespielen an und erweckt die Familienmitglieder aus ihren
Erstarrungen. Das und was sich ändert erfahren wir - neben Gestik
und Spiel - über Daten, die, auf Gaze projiziert, Auskunft über den
(Gesundheits)Zustand - Puls, Blutdruck, Körpermaße - der
Beteiligten übermitteln. Die Forscherinnen und Forscher sind es im
Übrigen, die die Gesangsparts übernehmen, mit denen sie nach und
nach ins Geschehen musikalisch intervenieren. Sie sind es auch, die
im zweiten Teil der Oper in die Rollen der Familienmitglieder
schlüpfen.
Nach Abreise des Gastes geben im
zweiten Teil der Oper - vor und in nach und nach entleerten Räumen -
Filmprojektionen mit bewegten Horizonten und 'laufenden' Landschaften
den Rahmen für allerlei Versuche, den neu gewonnenen Freiheiten im
alten Familienkorsett Raum zu geben. Nichts davon gelingt. Die
Familienmitglieder enden schließlich in Wahnsinn, Promiskuität,
Heiligsprechung und ziellosem Künstlertum. Es ist der Vater, nackt
und bloß, aller Habe entledigt, allein in der Wüste, der mit einem
verzweifelten, abgrundtiefen Schrei das Werk beendet.

„Giorgio Battistelli, dem
Grandseigneur der italienischen Gegenwartsmusik, ist,“ so schreibt
Roland Dippel in seiner Besprechung zur Aufführung, „etwas
Außerordentliches gelungen.“ Und weiter: „Mit feinsten
Streicherlinien, aus vielfältig schattierenden und fluoreszierenden
Soli der Hörner, der Hölzer und Farben wie zum Beispiel eines
Akkordeons, das in der Orchesterbesetzung gar nicht aufscheint,
entsteht Battistellis Musikstrom.“ Ich lasse das so stehen, da ich
weder Musikwissenschaftler bin noch jemals die Feinhörigkeit und die
passenden Worte aufbringen werde, um etwas so schön formulieren zu
können. Insbesondere Strom scheint mir der passende Begriff, weil
die Musik - ohne zu überwältigen - durchgehend treibt, stimmig
trägt, richtet wie koloriert, fließt und perlt, Hindernisse in Form
von Stromschnellen überwindet, an die Ufer ausweicht und mäandert,
unerwartet Fahrt aufnimmt und dann wieder staut, wo Geröll den Weg
verengt. Es geht, daran scheint kein Zweifel, stromabwärts, dem Meer
entgegen. Schicksalhaft? Wohl nicht, wir bleiben ja Beobachter und
entgehen dem Schicksal des Forscherteams, dass sich in seinem Objekt
schließlich verliert, mit ihm eins wird. Wir verlassen das Theater
in der Gewissheit, dass wir „an (unserer) Geschichte weitermachen,
sie beenden und eine andere anfangen“ können.
Glück gehabt
Wo früher gebraut wurde, was
(Arbeiter)Kehlen spülte und den Alltag vergessen ließ, ist heute
sinnliche Anregung zu finden. Gemälde, Skulpturen, Installationen,
Video und Film, Lesungen und Perfomances. 'Kulturgüter', Bier wie
Kunst, früher und heute. Zuviel davon 'macht Kater'. Wohl temperiert
und sorgsam zubereitet, bergen sie Glücksversprechen. So zuletzt (im
Juli/August), berückend und berührend, die Oper "As If NoMisfortune Had Occurred in the Night" von Larissa Sansour und Søren Lind.
Uns empfangen zwei stark abgedunkelte
Räume, zwar getrennt, aber klanglich miteinander verbunden. Im
ersten schauen wir auf eng von der Decke hängende Bäume, einen Wald
andeutend, über einem großen, flachen, mit Wasser gefüllten
Becken. Nichts, was sich sofort und von selbst erschließt. Zu hören
ist bereits der Gesang von Nour Darwish. Der irritiert, fasziniert
und zieht an. Im zweiten Raum folgen wir ihr in einer groß
projizierten, dreikanaligen Videoarbeit durch die gut 20minütige
Oper. Deren Herzstück ist die Verbindung des palästinensischen
Volksliedes Al Ouf Mash’al mit Gustav Mahlers Kindertotenliedern.
Hier gehen europäische Musiktradition und die volkstümliche
arabisch-palästinensische Tradition eine beglückende Liaison
miteinander ein. Beide raumgreifend und hörbar selbstbewußt, dann
ineinander verwoben, aufeinander antwortend und schließlich im
Wechsel von Chor und Sopranistin im "Call und Response Modus".
Beide Werke beklagen den Verlust von Kindern. Hier die Mutter, die
ihren Sohn in den Kriegsdienst für das Osmanische Reich ziehen
sieht, dort der Verlust zweier seiner Kinder, die der Dichter
Friedrich Rückert in Gedichten beklagt, die Mahler schließlich
vertont. Die Videoarbeit bezieht dokumentarische Aufnahmen aus diesen
Zeiten ein.
Wir versuchen, sagt Larissa Sansour,
„einen neuen Blickwinkel ein(zu)nehmen, um Licht in einen
politischen Diskurs zu bringen, der in eine Sackgasse geraten ist.“
Wir wollen, sagt sie weiter, „einen eigenen Raum (...) schaffen, in
dem diese Themen (Krieg, Tod, Vertreibumg, Verlust und Trauer) auf
eine andere Art und Weise besprochen werden können.“ In einer 'in
Echtzeit' verbundenen Welt sind lokale politische Probleme, ob wir
wollen oder nicht, immer auch universelle Probleme. Sie gehen uns
alle an. Die Arbeit von Sansour und Lind könnte daher nicht
aktueller sein. Warum? Wir stehen am Rande eines dritten Weltkrieges.
Ausgang ungewiß. Ein Übergang? Der Tod von Kindern - ob durch Krieg
oder Krankheit - zeigt an, was im Kleinen wie im Großen fehlen wird:
Zukunft. Ob die Männer und Frauen der 'Kriegswirtschaft' sich durch
diese, Trauer und Trost, versöhnliche Töne mit tiefer Melancholie
verbindende Musik anrühren lassen, darf man bezweifeln.
Vor 100 Jahren, erfahren wir, haben die
Palästinenserinnen ihre besten Kleider in Indigo gefärbt, anstatt
Schwarz zu tragen, wie sie es heute tun, wenn sie in Trauer sind. Die
Sängerin, so endet die Videoarbeit und erklärt die bereits erwähnte
Rauminstallation, tut es ihnen nach. Ihr weißes Kleid nimmt, nach
einem Bad, Blauton an. Indigo besitzt eine hohe Farbstärke und ist
in Wasser schwer löslich. „Es ist“, läßt uns Larissa Sansour
wissen, „eine Art Symbol dafür, das man den Schmerz nie wegnehmen
kann, dass er immer bei einem bleibt.“
Was ist?
„Es ist ein langer Weg dahin, wo
keiner mehr weinen muss“, schreibt das PR-Blatt zur Musical-Aufführung in der Neuköllner Oper. „Schön, dass
Sie ihn mit uns gemeinsam gehen!“ Da will ich denn doch ein
bisschen gegenhalten. Das Leben um das Weinen gebracht, hieße, Wein
ohne Trauben gewinnen zu wollen. Wer will das trinken? Trauer,
Mitgefühl, innere Rührung, Verschwisterungen nach Zerwürfnissen
und vieles mehr sind ohne Weinen nicht zu haben. Reibung, soziale
Konflikte, Trennungen, das immer wieder neue Austarieren tragfähiger
und strittiger Lebensmodelle und auch Schmerz und Tod gehören untrennbar zum
Leben dazu. „Tod und Sterben sind Vollzüge des
menschlichen Lebens, in denen der Mensch, soweit sein Leben an der
Humanität teilhat, im Tiefsten mit Anderen verbunden ist.“ (E.
Angehrn, Vom Anfang und Ende, Frankfurt a.M. 2020, S. 209) Eine
Erziehung zur 'Kriegstüchtigkeit' löst diese Verbindung auf. Ihr
ist der Andere ein Feind.
„Niemand auf der Welt“, lässt
Beckett Clov traurig sagen, „hat je so verdreht gedacht wie wir.
Hamm: Man tut, was man kann.
Clov: Man hat unrecht.
Hamm: Du hältst dich für gescheit,
nicht?
Clov: Gescheitert!“