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Samstag, 5. Juli 2025

Neuköllner Modelle

 

 Lässt sich Neukölln in Worte fassen? Ja, wenn man viele davon hat und in vielen Sprachen schreibt und spricht. In Prosa, Reim, Sachlichkeit und Alltagsslang. Wie ist es mit Bildern? In Unmengen vorhanden, öffentlich wie privat, bewegt und statisch, absichtsvoll und zufällig, vielzeigend, ausschnitthaft, emblematisch oder (foto)kryptisch. Und Musik? Der kann man sich nicht entziehen, sofern alles, was am Ort hörbar (Nach)Klang erzeugt, als solche durchgeht. Töne, Geräusche, Stille. Von Mensch, Maschine, Umwelt. Neukölln eine Gesamtkomposition? Ganz sicher nicht, weil Zeit- und Ortsbindung - Neukölln ist zu groß, um gehört zu werden - sowie das individuelle Hörvermögen dem entgegen stehen. Als Anspruch formuliert, entsteht jede Menge Raum für klangliche Formbildung. Wie das geht, zeigt der jüngst verstorbene Sven-Åke Johansson mit seiner Formation Neuköllner Modelle. Extensiv wie intensiv. Die Spielweise ist, so schreibt er, „als konstruktiv zu bezeichnen mit den Erkenntnissen aus der expressiven Grundlage des Freejazz, mit Mikro-Interaktionen und Reaktionen aus dem Unterbewussten, eingesetzt als bewusst radikale Formsätze, die über weite Strecken variert zu Formerweiterung führen! Modelle für die Auslotung der ungebundenen Rhythmik, Periodik und Methoden der Harmonik – Verfahrensweisen.“

Wie das klingt? Individuell ungebunden. Dennoch in Raum, Zeit und Klang absichtsvoll und kollaborativ verwoben. Zusammen- und auseinanderlaufend, zwischen Klang- und Soundcollagen und melodischen Linien kreisend, mal ruhig und zurückhaltend, mal kreischend-lautmalerisch, nervös pumpend bis zu zartem Strich. Mal gehetzt-atemlos, mal in gestufter Ruhe, von monotoner zu polyphon-dissonanter Kommunikation, die weder Auf- noch Erlösung verspricht. Das Schlagwerk als Grund und Boden. Raschelnd, polyrythmisch, filigran, Akzente setzend, mal treibend, mal bremsend. Ein ewig pulsierender Ruhepol wie Unruheherd. Für langjährig in Neukölln wohnende Menschen klingt dies vertraut. Neuköllner Modelle, so heißt es in den Linernotes zu Sektion 1 - 2, kombinieren „bipolare Verfahren und schaffen etwas, das man mit einer retardierenden Ballade des beharrlichen Up-Tempo-Gemurmels vergleichen könnte, das sich in der heutigen Hintergrundwelt beschleunigt.“ Hörbilder einer Großstadt. Mit Ein- und Aussetzern. Enervierend – disruptiv, zugleich entspannt und konzentriert, mit einer Prise stoischen Humors, der an Karl Valentin erinnert. Mit Halt in Neukölln. Neukölln halt.

Musik, sagt Johansson, ist existenziell. Endet (s)ein Leben, schwingt sie weiter. Verlässt eine/r die Stadt, bleibt sie davon unberührt. Ist das tröstlich? Für die, die bleiben, vielleicht. Die, die gehen, haben - immerhin - am Gesamtbild Neukölln hör- oder sichtbar gearbeitet. Andere nehmen die Fäden auf. Die Aufgaben bleiben dieselben:

    "... Wir haben Schwierigkeiten
     Mit uns & untereinander
     Das zeigen wir
     Schwierigkeiten müssen nicht beseitigt werden
     Wir machen uns gegenseitig transparent
     Innere Veränderung bringt äußere Veränderung ... “ *

 

* Befreiung, Sven-Åke Johansson


Freitag, 22. Dezember 2023

Betreutes Sehen

Um die Urteilskraft, um die ästhetische insbesondere, scheint es schlecht bestellt zu sein. Ist es Mißtrauen? Sind es lediglich wohlmeinende Hinweise, Einführungen? Ist zum besseren Verständnis gedacht, was mit wohlgesetzten Worten Leitplanken auslegt, damit BesucherInnen eine Ausstellung gefahrlos überstehen? Lange vorbei die Zeit, als Kunstausstellungen sich mit einem Katalog begnügten, der gekauft und zuhause gelesen wurde, der im Nachhinein das Gesehene kunstgeschichtlich einordnete, Zeitgeschichtliches notierte, für Arbeitsweise und Motive der KünstlerInnen Erhellendes beisteuerte und auf interessierte LeserInnen setzte.

Solvej Helweg Ovesen kuratiert. Sie ist streng. Sie weiß, wie die Kunst ihren Platz in einer komplexen Welt behaupten kann. Ihre Aufgabe, die der Kunst, sagt sie, besteht darin, „Raum für die Sichtbarmachung, das Bewusstsein, das veränderte Selbst und die Energie für die notwendigen Übergange“ zu schaffen. Das ist mal eine Ansage! Worauf sie sie gründet?  Da „Systeme, Natur, Institutionen und Biopolitik im Begriff sind, sich aufzulösen, und die Gesellschaft sich innerhalb oder nach der gegenwärtigen Polykrise neu formt, stehen wir vor der Herausforderung, unsere Kompetenzen und unser Leben zu verändern, um vielfältiger und polyvalenter zu werden.“ Wohin, warum, von wem angestoßen, zu welchem Zweck, mit welchen Folgen, erklärt sie uns nicht.

Es ist die Gesellschaft, die sich neu formt. Eine - unsere - Beteiligung ist nicht gefragt, Anpassungsleistungen sind gefordert: wir müssen vielfältiger und polyvalenter werden. Ein Ausstellungsbesuch als Läuterung und Lebensberatung? Ein Ausstellungsbesuch, der uns zeigt, ob wir das Zeug dazu haben, künftig Polyvalenz zu leben oder doch eher im Wege stehen, wenn es gilt, Übergänge in eine schöne neue Welt zu finden?

Die Künstlerinnen sind da - Kunst sei Dank, möchte man sagen - entspannter. Sie widerstehen dem Impuls, ihren Objekten eine Allzuständigkeit aufzubürden. Sie machen, zeigen und stellen aus, was KünstlerInnen schon immer gemacht, gezeigt und ausgestellt haben. Mit mal mehr, mal weniger Material, opulenten wie verhaltenen Farben, behauenem, gewebtem, gewickeltem, gedrechseltem, bedrucktem Stoff, Ton, Stein, figurativen Elementen, medialen, mal interaktiven, mal rein rezeptiv angelegten Produktionen und performativen Elementen.

So individuell die Objekte, so wenig gehorchen sie der ausgerufenen Marschrichtung. Mal verspielt, mal ver-rückt, mal raum-greifend, mal viel-schichtig und vielgesichtig, apellieren sie an Offenheit und Neugier. Dass die eine oder andere Künstlerin ihr ästhetisches Schaffen als 'Vorschein' auf Künftiges, als Kommentar oder Frage zum fragilen Zustand moderner Gesellschaften anlegt, macht aus einer Ausstellung kein Seminar. Also: Hingehen, sich von 'betreutem Sehen' freimachen und dem ästhetischen Eigensinn der Ausstellungsobjekte wie der Lust, sich verführen, ent-grenzen und/oder ent-täuschen zu lassen, folgen. 

 

Montag, 20. November 2023

Stiller Klang


Gibt es sie? Stille? Sollte sie nicht 'unhörbar' sein, das will das Wort Stille uns doch sagen? Bloße Leere zwischen Geräuschen? Kann darüber anders als in Umschreibungen gesprochen werden? Dass es weitere Wege gibt, zeigt uns Océane Moussé. Sie nimmt Graphitkreide und Tusche zu Hilfe und trägt auf weißes Papier großflächig aber 'feinstgliedrig' - in Schattierungen vom zarten Grauton bis zum tiefen Graphitschwarz - Schichten über Schichten, Strich neben Strich oder fortlaufende Sätze auf, bis Landschaften entstehen, Bewegung und Objekte. Dass das eine nicht im anderen verschwindet ist die hohe Kunst des Verbindens, Verwischens, Verschränkens, 'Ineinanderwebens'. Was Ausgangspunkt war, bleibt Teil des Bildes, selbst wenn der erste Blick dies nicht nahelegt. Was das mit Stille zu tun hat?

 

 

„Ich werde nicht mehr stören“ ist ein Satz, aus frühen Schultagen manchen noch geläufig, der an die Tafel oder im Heft in unzähligen Wiederholungen zu schreiben war. Eine Strafarbeit. Das unbotmäßige Kind sollte lernen, 'still zu sein', sich zu äußern - laut zu werden - nur dann, wenn es gefragt wird. Océane Moussé bringt den Satz hundertfach auf Papier, bearbeitet das aufgetragene Material und erschafft ein Bild in Form eines Triptychons. In Nahsicht tauchen die Sätze wieder auf, mit Abstand stehen wir vor einer Landschaft mit vom Wind gebeugtem Schilfrohr. Kinder, so könnte diese Erzählung lauten, sind flexibel genug, der Stille zu entkommen. „Daß mich die Winde wenig kränken, ich beuge mich und breche nicht“, lässt Jean Fontaine in seiner Versfabel 'Die Eiche und das Schilfrohr' das Schilfrohr sagen. Widerständigkeit gegen Zurichtung, Standhalten trotz widriger Umstände, Klugheit und Witz statt 'Steifnackigkeit und Trotz' bergen ein tröstliches Versprechen, das Mensch wie Natur verbindet: Stille, nicht zu verwecheln mit Ruhe und Entschleunigung, ist endlich. Und sie hat, wie uns Océane Moussé in vielen Varianten zeigt, viele Klangfarben.

Für Kurzentschlossene. Da nur noch bis zum 26.11. im Saalbau Neukölln zu sehen und zu hören!

 
 


Donnerstag, 16. November 2023

„Wir atmen doch, wir verändern uns!“ (S. Beckett) III

 In Räumen denken

Pasolini führt keine Verletzungen vor. Pasolini setzt in seinem Film „Teorema – Geometrie der Liebe“ die Institution Familie einem Säurebad aus. Verletzungen setzen Kommunikation und Auseinandersetzungen voraus. Diese Familie, einschließlich der einzigen Hausbediensteten, verharrt in Sprachlosigkeit. Der Film, wie auch der Roman, ist ein '68'er - Kind'. Kapitalismus - das auf Ausbeutung beruhende Haben, Besitzen,Verwerten - und die inneren wie äußeren Bande menschlichen und unverstellten Zusammenlebens, Begehren, Wünsche, Vertrauen, in der als Chiffre zu verstehenden Sexualität verdichtet, können und kommen nicht zusammen. Dies die Ausgangslage, das Ausgangstheorem, die Versuchsanordnung von Pasolini. Die Oper von Batistelli, seit Juni auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin, muss im Heute, 55 Jahre sind seither vergangen, ankommen.

Wir sind mehrfach gefordert. Wir folgen im ersten Teil einem eher traditionellen Musiktheater in zweistöckiger, mit jeweils vier Räumen - Küche, Esszimmer, Schlafzimmer, das Zimmer der Tochter - ausgestatteter Kulisse. Karg eingerichtet, aber opulent und farblich raffiniert ausgeleuchtet. Das Szenengeschehen, sparsam in den Bewegungen, fast schattenhaft wirkend, wird immer wieder - wir kennen dies aus dem Theater - live mitgeschnitten und zeitgleich auf Leinwand projiziert. So werden den Spielszenen Goßaufnahmen der Familienmitglieder in Schwarzweiß hinterlegt. Die Regie eröffnet einen weiteren Raum. Wir schauen parallel zum Handlungsgeschehen einem Forschungsteam in sterilen Laboranzügen zu. Wir beobachten die Beobachter so lange beim Beobachten, bis sie Entscheidungen treffen und ins Spiel eingreifen. In die 'Versuchsanordnung' schicken sie einen der ihren als Besucher. Der mischt auf, bietet sich und seinen Körper als Gespielen an und erweckt die Familienmitglieder aus ihren Erstarrungen. Das und was sich ändert erfahren wir - neben Gestik und Spiel - über Daten, die, auf Gaze projiziert, Auskunft über den (Gesundheits)Zustand - Puls, Blutdruck, Körpermaße - der Beteiligten übermitteln. Die Forscherinnen und Forscher sind es im Übrigen, die die Gesangsparts übernehmen, mit denen sie nach und nach ins Geschehen musikalisch intervenieren. Sie sind es auch, die im zweiten Teil der Oper in die Rollen der Familienmitglieder schlüpfen.

Nach Abreise des Gastes geben im zweiten Teil der Oper - vor und in nach und nach entleerten Räumen - Filmprojektionen mit bewegten Horizonten und 'laufenden' Landschaften den Rahmen für allerlei Versuche, den neu gewonnenen Freiheiten im alten Familienkorsett Raum zu geben. Nichts davon gelingt. Die Familienmitglieder enden schließlich in Wahnsinn, Promiskuität, Heiligsprechung und ziellosem Künstlertum. Es ist der Vater, nackt und bloß, aller Habe entledigt, allein in der Wüste, der mit einem verzweifelten, abgrundtiefen Schrei das Werk beendet.

 


 

„Giorgio Battistelli, dem Grandseigneur der italienischen Gegenwartsmusik, ist,“ so schreibt Roland Dippel in seiner Besprechung zur Aufführung, „etwas Außerordentliches gelungen.“ Und weiter: „Mit feinsten Streicherlinien, aus vielfältig schattierenden und fluoreszierenden Soli der Hörner, der Hölzer und Farben wie zum Beispiel eines Akkordeons, das in der Orchesterbesetzung gar nicht aufscheint, entsteht Battistellis Musikstrom.“ Ich lasse das so stehen, da ich weder Musikwissenschaftler bin noch jemals die Feinhörigkeit und die passenden Worte aufbringen werde, um etwas so schön formulieren zu können. Insbesondere Strom scheint mir der passende Begriff, weil die Musik - ohne zu überwältigen - durchgehend treibt, stimmig trägt, richtet wie koloriert, fließt und perlt, Hindernisse in Form von Stromschnellen überwindet, an die Ufer ausweicht und mäandert, unerwartet Fahrt aufnimmt und dann wieder staut, wo Geröll den Weg verengt. Es geht, daran scheint kein Zweifel, stromabwärts, dem Meer entgegen. Schicksalhaft? Wohl nicht, wir bleiben ja Beobachter und entgehen dem Schicksal des Forscherteams, dass sich in seinem Objekt schließlich verliert, mit ihm eins wird. Wir verlassen das Theater in der Gewissheit, dass wir „an (unserer) Geschichte weitermachen, sie beenden und eine andere anfangen“ können.

Glück gehabt

Wo früher gebraut wurde, was (Arbeiter)Kehlen spülte und den Alltag vergessen ließ, ist heute sinnliche Anregung zu finden. Gemälde, Skulpturen, Installationen, Video und Film, Lesungen und Perfomances. 'Kulturgüter', Bier wie Kunst, früher und heute. Zuviel davon 'macht Kater'. Wohl temperiert und sorgsam zubereitet, bergen sie Glücksversprechen. So zuletzt (im Juli/August), berückend und berührend, die Oper "As If NoMisfortune Had Occurred in the Night" von Larissa Sansour und Søren Lind.

Uns empfangen zwei stark abgedunkelte Räume, zwar getrennt, aber klanglich miteinander verbunden. Im ersten schauen wir auf eng von der Decke hängende Bäume, einen Wald andeutend, über einem großen, flachen, mit Wasser gefüllten Becken. Nichts, was sich sofort und von selbst erschließt. Zu hören ist bereits der Gesang von Nour Darwish. Der irritiert, fasziniert und zieht an. Im zweiten Raum folgen wir ihr in einer groß projizierten, dreikanaligen Videoarbeit durch die gut 20minütige Oper. Deren Herzstück ist die Verbindung des palästinensischen Volksliedes Al Ouf Mash’al mit Gustav Mahlers Kindertotenliedern. Hier gehen europäische Musiktradition und die volkstümliche arabisch-palästinensische Tradition eine beglückende Liaison miteinander ein. Beide raumgreifend und hörbar selbstbewußt, dann ineinander verwoben, aufeinander antwortend und schließlich im Wechsel von Chor und Sopranistin im "Call und Response Modus". Beide Werke beklagen den Verlust von Kindern. Hier die Mutter, die ihren Sohn in den Kriegsdienst für das Osmanische Reich ziehen sieht, dort der Verlust zweier seiner Kinder, die der Dichter Friedrich Rückert in Gedichten beklagt, die Mahler schließlich vertont. Die Videoarbeit bezieht dokumentarische Aufnahmen aus diesen Zeiten ein.

Wir versuchen, sagt Larissa Sansour, „einen neuen Blickwinkel ein(zu)nehmen, um Licht in einen politischen Diskurs zu bringen, der in eine Sackgasse geraten ist.“ Wir wollen, sagt sie weiter, „einen eigenen Raum (...) schaffen, in dem diese Themen (Krieg, Tod, Vertreibumg, Verlust und Trauer) auf eine andere Art und Weise besprochen werden können.“ In einer 'in Echtzeit' verbundenen Welt sind lokale politische Probleme, ob wir wollen oder nicht, immer auch universelle Probleme. Sie gehen uns alle an. Die Arbeit von Sansour und Lind könnte daher nicht aktueller sein. Warum? Wir stehen am Rande eines dritten Weltkrieges. Ausgang ungewiß. Ein Übergang? Der Tod von Kindern - ob durch Krieg oder Krankheit - zeigt an, was im Kleinen wie im Großen fehlen wird: Zukunft. Ob die Männer und Frauen der 'Kriegswirtschaft' sich durch diese, Trauer und Trost, versöhnliche Töne mit tiefer Melancholie verbindende Musik anrühren lassen, darf man bezweifeln.

Vor 100 Jahren, erfahren wir, haben die Palästinenserinnen ihre besten Kleider in Indigo gefärbt, anstatt Schwarz zu tragen, wie sie es heute tun, wenn sie in Trauer sind. Die Sängerin, so endet die Videoarbeit und erklärt die bereits erwähnte Rauminstallation, tut es ihnen nach. Ihr weißes Kleid nimmt, nach einem Bad, Blauton an. Indigo besitzt eine hohe Farbstärke und ist in Wasser schwer löslich. „Es ist“, läßt uns Larissa Sansour wissen, „eine Art Symbol dafür, das man den Schmerz nie wegnehmen kann, dass er immer bei einem bleibt.“

Was ist?

„Es ist ein langer Weg dahin, wo keiner mehr weinen muss“, schreibt das PR-Blatt zur Musical-Aufführung in der Neuköllner Oper. „Schön, dass Sie ihn mit uns gemeinsam gehen!“ Da will ich denn doch ein bisschen gegenhalten. Das Leben um das Weinen gebracht, hieße, Wein ohne Trauben gewinnen zu wollen. Wer will das trinken? Trauer, Mitgefühl, innere Rührung, Verschwisterungen nach Zerwürfnissen und vieles mehr sind ohne Weinen nicht zu haben. Reibung, soziale Konflikte, Trennungen, das immer wieder neue Austarieren tragfähiger und strittiger Lebensmodelle und auch Schmerz und Tod gehören untrennbar zum Leben dazu. „Tod und Sterben sind Vollzüge des menschlichen Lebens, in denen der Mensch, soweit sein Leben an der Humanität teilhat, im Tiefsten mit Anderen verbunden ist.“ (E. Angehrn, Vom Anfang und Ende, Frankfurt a.M. 2020, S. 209) Eine Erziehung zur 'Kriegstüchtigkeit' löst diese Verbindung auf. Ihr ist der Andere ein Feind.

 

          „Niemand auf der Welt“, lässt Beckett Clov traurig sagen, „hat je so verdreht gedacht wie wir.

          Hamm: Man tut, was man kann.

          Clov: Man hat unrecht.

          Hamm: Du hältst dich für gescheit, nicht?

          Clov: Gescheitert!“

 



Mittwoch, 15. November 2023

„Wir atmen doch, wir verändern uns!“ (S. Beckett) II

 Von weiter her

Lesen bildet, heißt es. Vorlesen gibt etwas dazu. Es verleiht dem Text einen 'Klangkorpus'. Dem Singen verwandt. Vorlesende akzentuieren und modulieren mit ihrer Stimme, 'laden' Sätze auf und bieten Interpretationen an. Aus einem inneren Zwiegespräch mit dem Text wird hörender Nachvollzug. Der fordert eine andere Konzentration. Das Gehörte ist flüchtig, ein Nachlesen, wenn etwas unklar bleibt, nicht möglich. Die Beziehung zum Text wird überlagert von der Beziehung zum Vorlesenden und seiner/ihrer Stimme. Ist diese warm oder enervierend, klar in der Aussprache, hält sie ein Tempo ein, das dem Verstehen, Behalten und Erinnern engegenkommt, konnte sie gegebenenfalls langweiligen Passagen Witz und Tempo abringen, bot sie Kraft und Anregung für Phantasie, 'verlebendigt' sie den Text und 'berührt' er durch die Stimme? Mehr Fragen als Antworten: Theater eben, diesmal in der Berliner "Schaubühne".

Ein Dokumentarfilmer und Regisseur (Christian Tschriner) läßt in einem Tonstudio eine Schauspielerin (Isabelle Redfern) zu seinem Bildmaterial, im Hintergrund auf große Leinwand projiziert, Textauszüge aus Didier Eribon's Buch "Rückkehr nach Reims" einlesen. Ein Toningenieur (Amewu Nove) stellt dem finanziell klammen Filmemacher für einen geringeren Stundensatz Studiozeit in den Abendstunden zur Verfügung. Eine fast intime, ruhige Szenerie, unterbrochen von immer wieder aufflackernden Gesprächen und Auseinandersetzungen. Diese lösen sich schnell vom Text und verhandeln, was auch Eribon umtreibt. Der 'Vorleserin' folgen wir gerne. Ihre Stimme hat's, sie kann's.

Das Buch habe ich nicht gelesen. Ich erfahre und schaue durch den Filter von Thomas Ostermeyer, verantwortlich für die Inszenierung. Worum geht es? Um familiären Zwist, Abkehr, um Scham und sexuelle Selbstbestimmung. Sozial gerahmt in Klasse, sozialkulturellem Milieu, politischer Parteienkonstellationen und französischer Noblesse. Ein Mix aus linker Soziologie, Klassenkampf, französischer Nachkriegsgeschichte, dem Wandel kultureller Identitäten und Aufbruch. Die Lesung geschickt kombiniert mit Filmeinschüben und diskursiv-spielerischen Elementen. Letztere loten die Bandbreite sozialer und gesellschaftlicher Diskriminierung aus, in den 50'ern bis in die 80'er Jahre hinein noch weitgehend identisch mit Grenzziehungen entlang sozialer Klassenlagen. Die Soziologie hat die doppelte Funktion der sozialen Scham darin verstanden, dass sie die Beschämten herabsetzt und sie im Empfinden der Scham die eigene Unterordnung unter andere anerkennen lässt. Beschämung, moralische Selbstverurteilung und Achtungsverlust als Teil der formellen wie informellen sozialen Kontrolle sind geläufige Strategien, um soziale Ungleichheit, Statuspositionen und Machtansprüche zu behaupten. Klasse und Milieu bieten einiges auf, um über Kultur und Politik Formen der Selbstbehauptung zu etablieren und eigene Machtansprüche zu formulieren. Geraten erstere in den Malstrom von Enttraditionalisierung und Individualisierung fehlen die kollektiven Antworten. Arbeit verändert ihren (vormals 'klassensozialisierenden') Charakter, Milieus verschwinden, politische Orientierungen geraten ins Wanken, familiäre Bande lösen sich auf, Quartiere und Städte wandeln ihr Gesicht, Armut diffundiert in Folge laufender und wachsender Zuwanderung. Eine doppelte Front eröffnet Eribon zudem mit seinem Bekenntnis zur Homosexualität, in Fremd- wie Herkunftsmilieu in den 60er- und 70er-Jahren gleichermaßen geächtet. Der Bruch mit dem Vater ist darüber und über dessen Tod hinaus nicht heilbar. Zuück bleibt ein auf sich selbst zurückgeworfendes, mit seinen Verletzungen beschäftigtes Subjekt.

 


 

Die Konstellation auf der Bühne darf man dankbar nennen. Ein nicht ganz so alter, aber doch 'weißer Mann' im Gespräch mit zwei, wie es heute heißt, 'PoC's'. Die Positionen sind verteilt, bringen Dringlichkeit und Farbe in immer wieder aufflackernde Debatten. Der Regisseur hofft, mit seiner Deutung von Text und Bild fraglos zu bestehen, die Schauspielerin leistet mit dem Einsprechen einen Freundschaftsdienst, der Toningenieur macht mit Sonderkonditionen die Aufnahmen und Fertigstellung des Films erst möglich. Nicht das 'Band des Geldes' bringt sie zusammen, sondern ein unausgesprochenes Interesse an der Sache. Das schafft eine 'Duldungspflicht', soll das Projekt gelingen. Die Schauspielerin nimmt sich das Recht heraus, alternative 'Passungen' von Text und Bild vorzuschlagen, der Toningenieur, mit Verweis auf familiäre Pflichten, fordert diszipliniertes Arbeiten ein, der Filmemacher, zunächst verschanzt im „Mansplaining“, geht nach und nach, mit Gewinn für sein Projekt, auf Einwände und Anregungen seiner MitstreiterInnen ein. Das öffnet Raum, um auf der Vorlage von Eribons Text zwanglos eigene Diskriminierungserfahrungen einfließen zu lassen. Sprachlich faszinierend und sehr dicht in den 'Rapeinlagen' des Toningenieurs, anrührend in der Familiengeschichte - ebenfalls eine Vatersuche - der Schauspielerin.

Wir verlassen das Theater mit der milde stimmenden Annahme, dass die Klagen (von Minderheiten und Gruppen) mit Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass das Grundgesetz uneingeschränkt Gültigkeit besitzt. Ihre legitimen und selbstbewußt vorgetragenen Ansprüche fußen auf der - derzeit immer noch und immer wieder enttäuschten - Erwartung, den ihnen zustehenden Status als Bürgerinnen und Bürger mit Selbstverständlichkeit und allen politischen, ökonomischen, sozialen Rechten im Alltag leben zu können. Aber auch das nehmen wir mit: Soziale Grenzen werden durchlässiger - nicht zu verwechseln mit offenen Aufstiegsoptionen, Macht und Einfluß - und quer zu ihnen organisieren sich soziokulturelle Gemeinschaften, denen selbstgewählte wie zugeschriebene 'Werte', Identitäten und ethnische Zugehörigkeiten Halt und Orientierung geben. Unser Bühnentrio gibt ja im kleinen ab, was in Arbeitszusammenhängen mittlerweile Alltag geworden ist. Teamarbeit in flachen Hierarchien und 'multikulturellen Kollegien'. Keine 'herrschaftsfreien Räume', aber Arrangements, die den Beteiligten Abstimmung, Konzentration auf die 'gemeinsame Sache' und wechselseiten Respekt und Anerkennung abnötigen. Anders formuliert: Wer 'System' ruft, muss beantworten können, wie im Alltag Befriedung hergestellt werden kann. Wer 'Strukturen' nicht kennzeichnet, begibt sich der Chance, substanzielle Veränderungen herbeizuführen. Die wird es nur im politischen Raum geben.

 

Dienstag, 14. November 2023

„Wir atmen doch, wir verändern uns!“ (S. Beckett) I

Kommt was? 

Wir leben in einer Zeit "des" Übergangs (manche sprechen von Zeitenwende). Ist das eine Behauptung? Eine Überzeugung? Übergang wohin? Fühlt man ihn? Wer oder was löst ihn aus? Gibt es Hinweise, Zeichen, Belege? Beunruhigt uns das, was wir glauben, sehen zu können? Ist er, "der" Übergang, schon mit dem Aussprechen in der Welt? Brauchen wir ihn als Selbstvergewisserung, dass etwas in Bewegung ist? Dass wir in Bewegung sind, noch am und im Leben? Wer hilft beim Entziffern von Zeichen? Und wieviel Deutungen halten wir aus, ohne die Übersicht zu verlieren? Ist Verständigung möglich bei einem vielstimmigen Chor und unzähligen Sprachen? Hilft Orientierung aus zweiter Hand? Wer könnte diese bieten? Die Soziologie, der jüngst mehrfach „dramaturgische Anschlussfähigkeit“ beschieden wurde? Sind es die Künste, die als Seismographen und Boten gelten, die "dem" Übergang Ausdruck verleihen, ihn bearbeiten, in Herkunft, Gestalt und Wirkung verständlich machen können? Viele Fragen, fünf Antworten, keine Lösungen.

Am Anfang

„Ende, es ist zu Ende“, lässt Beckett Clov am Anfang seine Dramas 'Endspiel' sagen. Und weiter: „es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende. Ein Körnchen kommt zum anderen, eins nach dem anderen. Und eines Tages, plötzlich, ist es ein Haufen, ein kleiner Haufen, der unmögliche Haufen.“ Das sieht, wenn man es recht bedenkt, nicht nach Ende aus. Eher nach einem Räsonieren, einem es könnte, es hätte, es würde, ohne die Unbedingheit, die Gewissheit, das es vorbei ist. Ein 'unmöglicher Haufen', seien es Kleinigkeiten, ein großes Vorhaben, gar ein ganzes Lebens, braucht Kraft, Umsicht, Empathie, Engagement, Kommunikation und Gemeinschaft. Selbst wenn er, der 'unmögliche Haufen', nicht gelingt. Der Versuch bereits bringt etwas 'Mögliches' in die Welt. Sinn, sagen wir es altertümlich, Erfüllung, das will uns Beckett wohl sagen, ist mit all dem allerdings nicht verbunden. Wie auch. Spielen wir also: „Das Ende ist im Anfang, und doch macht man weiter.“ Wie geht das, bei all den großen wie kleinen Katastrophen, Kriegen, bei individuellem Leid und 'gesellschaftlichen Depressionen'? In Routinen und eingespielten Kommunikationen. Geht der eine oder stirbt der andere, ist's vorbei mit dem Spiel. Solange aber - das bringen Ulrich Matthes und Wolfram Koch im Deutschen Theater am 23.12. wieder auf die Bühne - tänzeln sie umeinander herum, gehen abwegigen Assoziationen nach, hinterlassen spachliches Splitterwerk, das die Anschlussfähigkeit der Kommunikation ein ums andere Mal auf die Probe stellt, feiern kurzfristige Siege mit kleinen wechselseitigen Quälereien, kreisen im Gelände und unterhalten ganz großartig mit „betont plumpe(r) Gestik eines mittelmäßigen Pantomimen (und) brillanten Clownsnummern.“ Wiederkehr des Immergleichen. Raum und Zeit - in Auflösung - schmerzlich eng. Dem Blinden gelingt der Zugriff auf die Welt über Zuruf und Befehl, der Sehende lässt seine Macht zuweilen in gezielter Zuteilung oder Verweigerung von Diensten und Auskünften spüren. Herr und Knecht brauchen einander, so fragil ihre Beziehung auch sein mag, soll die Welt nicht gänzlich stillstehen. Und so schlägt denn doch das zweiseitige "Insichkreisen" ein paar Funken. Nichts Greifbares, aber eine Zustandsanzeige. "Ich fühle mich etwas erschöpft", klagt Hamm, "die fortgesetzte schöpferische Bemühung." Dem können wir zustimmen. Hatte doch Clov, beim Blick durch die nicht vorhandenen Fenster mit imaginiertem Fernrohr ins Publikum spähend, vermeldet: "Ich seh ’ne begeisterte Menge." So ist es. Wir verlassen das Theater beschwingt und in der Gewissheit, dass wir „an (unserer) Geschichte weitermachen, sie beenden und eine andere anfangen“ können. 

 


Mittendrin

Mehr Fragen als Antworten: Theater eben. Das verbindet Beckett mit dem jungen Ensemble, das mit „Bis keiner weint“ ein fourioses Musical auf die Bühne der Neuköllner Oper bringt. Die naheliegenste Frage natürlich, warum denn keiner weinen sollte. Was ist daran schlecht? Geht es um die Abwehr übergriffiger Dramaturgie und billiger Effekte, die die ZuschauerInnen an den Emotionen packen, um das Nachdenken zu 'verstellen'? Wir sehen schnell, es geht um etwas anderes. Es geht um Verletzungen. Unbeabsichtigte, gezielte, 'leicht' daherkommende und gesellschaftlich geduldete, wo nicht strukturell angelegte. Sie provozieren Herabsetzungen und Mißgunst, führen zu Streit und Ausschluss. Normativ und hoch moralisch aufgeladene Debatten um Identitäten und Gender zeugen von der Dringlichkeit, die das Thema für betroffene Gruppen hat. Was, wie und wo immer man anfasst, schlägt das Spiel, anders als bei Beckett, in 'Kampf' um. Vom Ende her ist hier nichts gedacht, alle sind mittendrin und müssen sich behaupten. Zeitlichkeit pur und Nahräume, die mit fehlenden Distanzen in kurzschlüssige Kommunikation und Abwehrhaltungen zwingen. Die für's weihnachtliche Programm in Auftrag gegebene Neuadaption von "Schneewittchen", Thema des Stückes, verlangt Antworten. Wie queer darf es denn sein, wie kleiden wir das Beziehungsgeflecht von Prinzessin, Schwiegermutter und Prinz in ein neuzeitliches Geschlechtergewand? Und dürfen die Zwerge weiter Zwerge heißen? Die 'Farbpalette' der zur Wahl stehenden SchauspielerInnen nehmen selbstredend Einfluss auf alternativ und strittig vorgestellte Arrangements und Dramaturgien. Dass das Ganze leichtfüßig, ohne Peinlichkeiten, mit viel Witz und ordentlich Biss über die Bühne kommt, ist der großartigen Musik, den Texten und dem Spiel der DarstellerInnen zu verdanken. Es geht also. Spielend 'Diskurse' vom Rand der Feindseligkeit in eine lebendige, die Gefühle und Interessen der Beteiligten aufnehmende Auseinandersetzung zu überführen.

Sonntag, 5. November 2023

"Legt es zurück auf die Spitze des Beats"

Tradition, auch musikalische, kann erdrücken. Selbst vormals innovative, Rhythmen, Sound und Vortragsweisen entgrenzende Genres sind nach einem knappen Jahrhundert und in 'industrieller Fertigung' als Dauerschleife im besten Fall selbtreferentiell, im schlechtesten Falle musikalisch tot. Allenfalls als Klangtapete für die Umsatzsteigerung in einer bunten Waren-, Werbe- und Eventökonomie noch brauchbar. Wie also umgehen mit dem, was Country, Gospel, Jazz, Blues, Rock und Popmusik an Klanghalden aufgetürmt haben. Eine aufgeklärt intelligente, den Ausdrucks- und Formenreichtum nutzende Art der Aneignung und Weitergabe konnte jüngst im Konzert bestaunt werden.
Mit mächtigem Wums und Breitwandsound gehen Rebecca Lovell, Lead-Vocals und Gitarre, und Megan Lovell, Lap-Steel-Gitarre und Harmonie-Gesang, unter ihrem Bandnamen 'Larkin Poe' zur Sache: Bluesrock mit vielen Bezügen in die 70'er und Anleihen bei Southern- und Glamrock. Gibt erstere den Songs mit Power-Riffs Tempo und Struktur, gibt letztere mit der Lap-Steel den Songs Wärme und öffnet in vielfältigen Variationen immer wieder neue Klangräume. Ungestüm wäre nicht der richtige Ausdruck, dazu sind die beiden zu abgeklärt. Aber frisch und jung klingt das allemal. Souverän bringen sie ihre Songs, begleitet von Bass und Drums, über die Bühne. Dass sie, heute Anfang 30, von Kindesbeinen an ihre Instrumente gelernt haben und mittlerweile im Schlaf beherrschen, schafft die nötige Routine und Sicherheit, um ein Publikum über einhalb Stunden bei bester Laune zu halten. Nicht zu vergessen und im Bandkontext die halbe Miete: Rebecca Lovell ist eine großartige Sängerin mit passender Stimme. Wer wissen will, woher Rebecca und Megan Lovell ihre Inspiration beziehen, schaue und höre sich ihren 'Cover Channel' an. Dort arbeiten sie sich akustisch durch die Blues-, Rock- und Popgeschichte der letzten Jahrzehnte. Noch bis ins Jahr 2009 spielten sich die beiden mit ihrer Schwester Jessica Lovell als 'Lovell Sisters' auch durch den unerschöpflichen Country-Katalog. An diese Phase erinnern sie in der Mitte des Konzerts mit einem akustischen Set. Sie sind jung genug, um nicht in Ehrfurchtshaltung zu verharren, musikalisch aber so ausgefuchst und erfahren, um der Tradition ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Screamin' Jay Hawkins hätte seine Freude gehabt an 'Bad Spell'. Und auch Ray Charles wußte, dass man, bei allem Schmerz und aller Sehnsucht, zuweilen Heimat, Frau oder Freund hinter sich lassen und Grenzen überschreiten musste. So geht 'Call and Response' über Jahrzehnte, Generationen und Geschlechtergrenzen hinweg. Die klassische Musik, schreibt Alex Ross, „ist nicht mehr das einzige Genre, das die Last der Vergangenheit zu tragen hat.“ Was daraus folgt? Die beste Art, dem klassischen Bestand gerecht zu werden, „besteht nicht in einem Rückzug in die Vergangenheit, sondern“, so schreibt er weiter, „in einer Intensivierung der Gegenwart“ (Alex Ross, Listen to this, Hamburg 2020). Dem kommen 'Larkin Poe' mit Bravour nach. Dass so wenig unter 55jährige den Weg in's Konzert fanden, mag man bedauern. Es zeigt, wie musikalische und soziale Klischees und Etikettierungen nach wie vor Rezeption, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit steuern. Uns Alten kann's egal sein: „We know what time is, time is a thief.“ Daher: „Kick the blues tonight.“ Nicht mehr und nicht weniger.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Hammond ohne Lord



„Denn so beschissen es auch manchmal sein mag – dieses Leben hat so viel zu bieten: die Neunte von Beethoven, die Musik von Leonard Bernstein, deine Frau, deine Freundin, deine Kinder! Der Tod ist ein Kapitel, das wir aufschlagen (…), wenn uns eine höhere Macht dazu einlädt – auf eine angenehme Weise hoffe ich! (…) Aber bis es soweit ist, sollten wir Musik für das Leben machen. Denn ob es auf der „anderen Seite“ noch Musik geben wird, weiß keiner von uns. Ich persönlich habe da meine Zweifel.“  Jon Lord

Mittwoch, 18. Juli 2012

Birger klingt nach



Die Tür schnappt zu
Der Zug fährt ab
.....

Heymann / Ludwig



Sonntag, 15. Juli 2012

Musik im Flug



Jazz braucht Luft. Für’s Wandern, Fliegen und Vergehen. In stickigen Kellern ist der Körper Ziel der Ton-Attacken, Open-Air teilt sich das Ohr Klänge und Rhythmen mit Erde, Gras, Bäumen, Wasser und Wind. Das schafft Raum für Klang-Schichtungen eigener Art: porös und dicht, zentriert und Auf-dem-Abflug, leicht und gewichtig, hochkonzentriert und flatterich. Wenn sich das verbindet mit einer entspannten Amosphäre, wie es sie kaum mehr gibt in dieser Stadt, einem Ort, der stete Improvisation lebt, einem Publikum, das ebenso bunt wie aufmerksam ist, vielen Gruppen und Musikern, die - so neugierig wie inspiriert und experimentell ausgreifend - zum Besten gehören, was der Jazz zu bieten hat, dann ist das:  Jazz an der Lohmühle. Wer’s nicht glaubt, muss hin und selber hören!

Donnerstag, 22. Dezember 2011

± 0


Im ewigen Eis, umrahmt von Schnee, Geröll und noch mal Schnee, laufen die Sinne leer. Kein Halt, keine Orientierung, keine soziale Kartografie. Und doch soll’s ausgerechnet hier ganz präzise zugehen. Polarstationen vermessen an unwirtlichen Orten Raum, Zeit und Klima. Zugleich sind sie soziale Laboratorien, in denen Menschen unterschiedlicher Profession auf engstem Raume leben und arbeiten. Leben? Innere wie äußere Uhr, Nähe wie Weite gehorchen anderen Maßeinheiten, hell und dunkel haben’s gerne statisch, drinnen und draußen kennen keine Mitte. Alles will neu justiert, den Gegebenheiten angepasst, in reduziertem Komfort gelebt und Sprache und Gesten - bei internationaler Besetzung - reduziert, auf die ortsübliche Temperatur gebracht werden. Wie das geht, zeigt uns Christoph Marthaler. Über viele kleine Episoden und szenische Arrangements, mit Ruhe und Bedacht inszeniert, Text und Musik kunstvoll ineinander verwoben, führt er in’s subpolare Basislager. Elegisch, berückend, zum Brüllen komisch, spielerisch, assoziativ, sprunghaft, in Suchbewegungen und unter Einsatz disparaten Kulturgutes. Bei karger Ausstattung. Dass das ganz prima klappt, die kalte Luft nicht den Atem raubt, liegt an dem verschwenderischen Umgang mit Einfällen und Vorschlägen. Die greifen in’s eigene, innere Band und wärmen Herz und Seele. Wie sie das tun? Die Bilder klingen und der Klang bildet. Berührend sind etwa die ganz leisen und sachten Übergänge, wenn Stille in mehrstimmigen Satz- und Chorgesang übergeht. Ein schöneres Bild kann man wohl kaum finden: Kooperation, wo auch immer auf Erden, setzt, bei aller Vielstimmigkeit und widrigsten Umständen, das „Aufeinandereinstimmen“ voraus. Wo nicht, bleibt nur Natur. Wer will das schon? Also raus, Neugierige und Reisefreudige. Vom 28.02. – 02.03.2012 kann das Basislager wieder bezogen werden. In der Volksbühne.

Mittwoch, 9. November 2011

Costello war's


Er kennt sie alle. Die Tonlagen, die Ausdrucksformen, die Manierismen des Pop. Kein Getriebener, ein Neugieriger, der sich in den letzten 35 Jahren durch alle Genre gespielt und gesungen hat. Kein Kokettieren. Ein Lernen und Wachsen. Offen, zugewandt, ernsthaft um’s Material bemüht. So klingt er dann auch heute. Nach einem langen Weg zu dem, was man früher Meisterschaft genannt hätte. Stimmlich unverwechselbar, ein riesiges Songrepertoire im Reisekoffer, croont, raunzt, singt und erzählt er Geschichten aus dem Alltag. Allein. Mit Gitarre oder am Keyboard. Entspannt, aber kraftvoll, mit Witz und Leidenschaft. Hier wohnt man der - gänzlich unaufdringlichen - Präsentation eines Lebenswerks bei. Wer am Montagabend nicht in's Tempodrom kam, hat keine Schuld, muß aber kaufen gehen. Elvis wird’s mögen.

Dienstag, 10. Mai 2011

Regen in Neukölln



Nur in Charlottenburg regnet es. Unregelmäßig zwar. Aber immerhin. Wo der Regen herkommt? Na, aus Neukölln. Er fließt reichlich. Und dient - quasi - therapeutischen Zwecken. Die, die da deftig, roh, laut, mal miteinander, mal nebeneinander, mal gegeneinander agieren, reden und spielen, suchen irgendwann das Naß. Wasser reinigt, kühlt, ertränkt den Durst und spült das Blut vom Bordstein. Ein Menschenpuzzle mit Fuchs. Ein hartes Bild. Ungemütlich, hautnah. Wie eine Scheibe, kurz vorm Zerspringen. Keine Angst, Wasser erlöst. So oder so. Bezirk verlassen. Fremdgehen! Schirm nicht vergessen!

Donnerstag, 28. April 2011

Vater is' mal wech


Kalte Küche. Trockenessen. Ein Heim ohne Herd. Das Tischritual, längst brüchig, artet regelmäßig aus in zusammenhangloses, konkurrentes Gerede. Der Alltag, die Arbeitswelt, scheinen durch in Form der Produkt- und Werbewelt, als Stimmengewirr und Klangtapete. Nicht geeignet, Beziehungen zu knüpfen, die über bloße Geschäftigkeit und egomanische Visionen hinausgehen. Eine aus den Fugen geratene Welt, in der Penelope, eingekesselt zwischen fürsorglicher Bemutterung und Abstoßung des Sohnes und den aufdringlichen Freiern, die sich im Hause festgesetzt haben, „Pirouetten“ - sprechend, singend, liegend - in den Raum läuft. Dann kommt er endlich zurück. Odysseus. Nach langem Ausflug in ferne Länder, Krieg und Abenteuer. Matt, erschöpft, unsicher fragt er nur noch nach: Kannst du dich wieder an mich gewöhnen? Penelope willigt - wir staunen, denken aber an die vielen Frauen, die nach '18 und '45 mit derselben Frage konfrontiert waren - ein. Sie schließt das System, dass so lange nicht funktioniert hat. Und hatte doch immer wieder insistiert, dass eigentlich ihre Geschichte hätte geschrieben werden müssen. 20 lange Jahre des Wartens, des Haderns, des Hoffens, der Versuchung, der Arbeit. Wunderbar gespielt und gesungen, mit kleinem Orchester - Gitarre, Klavier, Geige - in Szene gesetzt, kommt diese Oper von Monteverdi mit Texten von Homer, Badoardo, Peter Esterhazy in der Regie von David Marton in der Schaubühne im Hier und Heute an. Schon da, ist die siebzehnjährige Ree. Sie versorgt ihre kleineren Geschwister und ihre kranke Mutter. Tiefste Provinz. USA. Ärmliche Verhältnisse. Kein Odysseus ist abhanden gekommen. Nur der Vater. Für die Haftkaution hat er Haus und Hof verpfändet. Und ist verschwunden. Ree muß es reißen oder alles ist verloren. Wie sie das macht? Mit ganzer Kraft. Unprätentiös, direkt, hautnah an den Personen, genau in der Beobachtung, folgt „Winters Bone“ ihrer Odyssee. Ein Lehrstück für Bildungsbürgerinnen und Bildungsbürger. Die glauben, dass sie auf Empathie, Beharrlichkeit, Solidarität, Fürsorge und kluges Handeln in schwierigen Situationen ein Patent besitzen. Nichts ist weniger wahr. Was beide Projekte verbindet? Na, Karten kaufen! Besseres zum Thema gibt’s zur Zeit nicht zu sehen. Nicht vergessen: Familie mitnehmen!

Montag, 28. März 2011

Drei-Euro-Oper


Sind sich die Abgehängten selbst genug? Ist Stallgeruch Teil erfolgreicher Integration? Schlägt soziales Los Ethnizität? Sozialforscher würden dies bejahen. Integration findet immer da statt, wo man sie am wenigsten erwarten würde. Dort, wo alle wenig haben. Die, die es könnten, fürchten um Besitz und Vermögen. Sie schließen sich ab. Schlimmer noch, sie setzen ihr Vermögen ein, um denen, die sich schwer durch den Alltag schlagen müssen, das Leben noch ein bisschen schwerer zu machen. Überschüssiger Wohlstand auf der einen, Vertreibung auf der anderen Seite. Klingt nach Brecht?! Hört heute auf den Text von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel und die Musik von Vivan und Ketan Bhatti. Ein bißchen mehr Zeit, den Bruchteil des Etats eines großen Opernhauses, noch ein bisschen geschraubt und gedreht, die ein oder andere Unebenheit im Handlungsverlauf geschliffen und wir hätten so etwas wie eine aktuelle „Drei-Euro-Oper“. Aber auch so - im Discount - ist's großartig. Weill trifft Grips. Verpassen geht gar nicht!

Sonntag, 19. Dezember 2010

Neuköllner Avatar


„ … man sollte sich einfach mal fragen: Bin ich kohärent? Bin ich echt? Bin ich ehrlich? Bin ich ich?" Das kann man tun. Schöner wird’s, wenn andere diese Fragen zum Anlaß nehmen, um zu spielen, zu singen und zu tanzen. Erledigen sie diese Aufgabe grandios und mitreißend, mit Humor, gefühlig und spitz, und hängen sie einem die eine oder andere Melodie in’s Ohr, die hängenbleibt, dann weiß man, wo man ist: Oper in Neukölln. Reinschleichen. Vielleicht geht’s noch hintenrum.

Montag, 13. Dezember 2010

Meistersinger


Wagner ist ein Reizthema. Es gehen immer die Falschen in’s Opernhäusle. Stimmt’s? Wer möchte schon die Garderoben und das inzestuöse Gehabe der Schönen und Reichen, des Polit-, Geld- und Raubadels beim gespreizten Teppichlauf in Bayreuth bestaunen. Das Wagner im österreichischen Postkartenmaler einen großen Fan und Verehrer fand, die Familie Wagner sich diesem in die Arme warf und dem Furor aus Mord und Totschlag freundschaftlich assistierte, erschwert den Zugang. Nun verstarb der alte Wagner, der als bekennender Antisemit bezeichnet werden darf, bereits 1883. Die Gnade, früher gelebt zu haben, hat vermutlich Schlimmeres verhindert. Wer allerdings glaubt, ihm durch Nichtbeachtung entgehen zu können, irrt.


Die Musik ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute - so insbesondere im Film - voll von Anleihen aus dem Wagner’schen Schaffen. Nichthören geht nicht. Dann doch ruhig mal das Original zu Gemüte führen. Dass das musikalisch spannend sein kann, zeigt die Komische Oper. Mit der einzigen komischen Oper Wagners. Die Meistersinger von Nürnberg. Kein pompöses Gedröhne und tschingterassa-bum-bum, keine Ausstattungsorgie, kein Bühnenalarm oder überzeichnete Figuren. Sparsam im Bühnenbild, das aus einer einzigen Idee - versetzbaren Häusern - ein lebendiges, im Verlauf immer wieder neu arrangiertes, silhuettenartiges Stadtbild für die unterschiedlichsten Szenen zaubert. Das Orchester hervorragend eingestellt, ganz im Dienst von Handlung und Gesang, dabei mit einer glasklaren, in Blech, Holz wie Streichern, weichen und differenzierten Klangführung. Das ab und an aufscheinende Gedräue, Aufwallende und Überbordende zeigt sich in der „wohltemperierten“ Fassung der Komischen Oper als handlungsbezogenes, dramaturgisches Mittel. Keine Überwältigung, kein emotionales Ton-Gel, das Handlung und Bühnengeschehen überbietet. Man mag das Thema bespötteln. So hat die Figur des Hans Sachs für uns heute etwas Unzeitgemäßes, Altbackenes. Die Meistersinger sind nicht mehr als eine historische Reminiszenz, so wie auch die enge Verbindung von Handwerk und (Volks)Kunst mit dem Verschwinden der Zünfte unwiderruflich verloren ging. Das Thema ist dennoch in der einen oder anderen Variante präsent und wird nach wie vor diskutiert. In den 50’ hörten die Meistersinger auf den Namen Elvis, in den 80’ auf NWA. Anders formuliert: Gibt es Regeln, die den Kunstbetrieb limitieren. Die Werk und Aufführung kanonisieren, Tabuzonen errichten, die Kunstausübung beschneiden, bedrängen, in den Dienst nehmen für andere Belange? Wie steht es um die Verbindung von Bevölkerung und Kunst, von Laienwerk und Profession, von Tradition und Neuerung? Die Unterscheidung zwischen U- und E-Musik ist immer noch und ohne Abstriche Grundlage aller öffentlichen Förderprogramme im deutschen Kulturbetrieb.


Das die Liebe einen Weg weist, um Leben und Künsten neue Ufer zu erschließen, ist stehender Teil jedes zweiten Bühnenwerkes, Films oder Romans. Nicht neu, was die Oper da bietet, aber auch nicht abseitig. Da tut sich keine Gruft auf. Verletzungsgefahr ausgeschlossen. Also. Wagner nicht den Knallchargen überlassen. Einfach mal ausprobieren!

Samstag, 27. November 2010

John Hiatt, Stevie Winwood, Colosseum

Ein Nostalgietrip? Na klar. Von Zeit zu Zeit braucht man das. Könnte ja sein, dass man früher ganz falsch gelegen hat. Mit dem Geschmack. Schafft die Chance, noch einmal inne zu halten, die Asche im Haar zu verteilen und Geschmackskorrekturen vorzunehmen. Sich zurückzuschämen und Wiedergutmachung zu leisten. Für so etwas wie Schlaghosen zum Beispiel. Oder aber, ja nicht ganz ausgeschlossen, man darf feststellen, dass das eine oder andere Werk 30 – 40 Jahre anstandslos überdauert und sich aus guten Gründen zu einem Traditionsbestand zeitgenössischer Musik ausgewachsen hat. Schaut man auf’s Alter der Musikanten, kommen gut 50 Jahre Rock- und Popgeschichte zusammen. Was alle eint? Sie haben eine produktive Haltung zum eigenen Schaffen. Musiker halt, keine Oldie-Nummern-Revue-Darsteller. Die, das sei nicht bestritten, natürlich auch ihre Berechtigung haben.

In unprätentiöser Haltung, auf aufgeräumter Bühne, bei sparsamen Licht und transparenten Sound machte Stevie Winwood das, was er am besten kann: Musik. Mit Gleichgestimmten. Mal an der Orgel, mal an der Gitarre, immer bei gutem Gesang. Wie überhaupt die Stimme nach wie vor zum Besten gehört, was man im Rock’ & Soul seit Jahrzehnten hören kann. Zwei Percussionisten gaben auch den alten, rocklastigen Songs einen federnden, mal funky, mal Latin-angehauchten Drive. Das erinnert an gutgelaunte und hochprofessionelle Kammerensembles, die ihren Spaß beim Changieren zwischen Komposition und Improvisation entwickeln. Spielerisch und leichtfüßig. Vielfach ergänzt und getragen von dem wunderbaren Sound von Winwood’s Hammond mit Leslie – Box, die ordentlich wimmert, jault, flächig und flirrend strahlt oder percussiv treibt. Zeitlos.
Eine Hammond nutzt auch Dave Greenslade, der leider sein Vibraphon zuhause gelassen hatte. Damit klingelte er früher, mit schwebend wabernden Tönen, so schön und unverwechselbar die Stücke ein. Ansonsten alles beim alten im übervollen Kesselhaus. Colosseum stemmen immer noch einen Sound in die Halle, den keine andere Band hinbekommt. Insbesondere dann, wenn Gitarre, Hammond und Saxophon, gespielt von Barbara Thompson - die Einzige, die nicht zur Originalbesetzung gehört und den verstorbenen Dick Heckstell-Smith ersetzt - flächig zusammenlaufen. Was nicht so häufig passiert, da das Abbiegen, Auseinanderlaufen, das Umspielen, bevor es wieder in’s gemeinsame Songkorsett zurückgeht, Spielphilosophie und Songaufbau ausmachen. Die Stimme runder, voller und besser als je zuvor, gibt Chris Farlowe den Stücken, was sie an Gesang brauchen. Motor und Kern bilden John Hiseman und Mark Clarke, die mal feinnervig, rhythmisch vertrackt, mal ernergiegeladen und geradeaus der Musik die Richtung weisen und den Laden zusammenhalten. Colosseum können getrost als die Erfinder „konzertanter“ Rockmusik, mit Wurzeln im Blues und vielen Jazzanleihen, bezeichnet werden. Das beherrschen sie auch heute noch meisterhaft. Ganz entspannt, wuchtig, ekstatisch immer dann, wenn Barbara Thompson ihre unkonventionellen Soli spielt. Wir gehen nach Hause in der Gewissheit, dass Altern auch seine guten Seiten haben kann.
John Hiatt ist eine Welt für sich. Seit 35 Jahren veröffentlicht er Platte um Platte, seine Songs werden von vielen Kolleginnen und Kollegen gecovert. Mal jagt ihn der Blues, mal kracht und rockt es gewaltig, mal kleidet er seine Botschaften in Folk und Country. Zuhause ist er in allen Stilen und seine Songs, darunter viele echte Perlen, fühlen sich in jedem Gewand wohl. Berlin ließ er aus. Aber in Oslo schaute er vorbei und bespielte das kleine, aber feine Rockefeller, das Erinnerungen an das alte Berliner Quartier Latin weckt. Hiatt, gut gelaunt und häufig im Gespräch mit dem Publikum, ließ sich Zeit beim Noten-Einfädeln, spielte Themen warm und schälte nach und nach im Zusammenspiel mit seinem kongenialen Gitarristen seine Songs aus Rohmasse und Rhythmen heraus. Schleifen, polieren und glänzen lassen. Musik im Werkstattmodus. Nichts ist so fertig, als das es nicht noch neue Seiten zu entdecken gäbe. Das funktioniert. Sichtbare Spielfreude auch hier und hervorragend aufeinander eingestellte Musiker, die bei aller Routine Spöksken miteinander auf der Bühne treiben, sich mit dem ein oder anderen musikalischen Einfall gegenseitig überraschen. Es gibt keine bessere Art, den tristen November einzuläuten und aufzuhellen!

Wer die Couch nicht verlassen möchte, besorge sich - in etlichen Läden für Billiggeld erhältlich - den Mitschnitt des Konzerts von Stevie Winwood und Eric Clapton aus dem Madison Square Garden. Berührend und umwerfend gut. Trägt über den Winter!

Sonntag, 21. November 2010

Freispiel


Berlin liebt seine Paradiesvögel. Ein frisch zugeflogener hat sich dem Berliner Publikum vorgestellt. Technisch perfekt, dabei alle - im Sinne des Wortes - Register ziehend, bearbeitete Cameron Carpenter die Schuke-Orgel in der Philharmonie. Die Wiederentdeckung eines Instrumentes. Rückkehr in die Jetztzeit. Nicht mehr, vor allem nicht weniger, ist das, was da passiert(e). Viele Stücke, ursprünglich für Klavier oder Orchester geschrieben, hat Cameron für die Orgel bearbeitet. Neben den Klassikern stehen auch eher selten gespielte Komponisten wie Nikolai Medtner und Marcel Dupre auf dem Programm. Pop, Jazz und eigene Kompositionen sind ebenfalls selbstverständlicher Teil des Repertoires. Was ihn interessant macht? Er rückt das Orchestrale und den Klangreichtum des Instruments wieder an den Alltag heran, bringt das Stolpern, die Bockigkeit und das Widerstrebende in die Musik zurück. Leben. Unerschöpflich das Reservoir an Klängen, Klangfarben, einzelnen Nuancen, „Soundveränderungen“ bei gehaltenem Ton, das Carpenter dem Instrument entlockt. In Fülle und Tiefe, orchestral wie einstimmig, geben seine Interpretationen selbst totgespielten Werken neuen Glanz. Überwältigend aber seine Fähigkeit, werkdienlich Tempi zu verschleppen und anzuziehen, ungerade Rhythmen mit Füßen und Händen gleichzeitig, versetzt und übereinander geschichtet zu spielen, Stücke in Teilen zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Musik und Mathematik, Zeit und Klang, Fülle und Abstraktion. Dinge, die scheinbar nicht zusammengehören und doch so dicht beieinander liegen und ohne einander nicht’s sind. Das muß man spielen können, ohne das eine oder das andere zu verlieren, zu verdrängen oder vorschnell in Wohlklang aufzulösen. Carpenter gibt das ganze Geheimnis preis! Davon mochte sich dann niemand trennen. Wieder und wieder kehrte er auf die Bühne zurück und spielte Zugabe um Zugabe. Nicht verpassen, wenn’s wieder passiert!

Montag, 4. Oktober 2010

Reimschmiede


Wer hätte das gedacht: Pop, Kitsch, Slapstick, gezielt dosierte Manierismen und Brecht’sche Reimschmiede passen aufs beste zueinander. Das wirkt so rund, so selbstverständlich, die Weill’schen Kompositionen so ausschweifend, lebendig und - nicht zuletzt dank der hervorragenden Textverständlichkeit - berührend intim, dass hier Kopf, Herz und Sinne gleichermaßen „unter Beschuss“ stehen. Eine Inszenierung - bei glänzend aufgelegtem Personal auf der Bühne wie im Orchester - mit Suchtpotential! Nur was für Standfeste. Ausprobieren.