Donnerstag, 10. Februar 2011

1mal


Vorbeisehen (1 - 5)

Mittwoch, 9. Februar 2011

Vorbeisehen


Ablegen, liegen lassen, vergessen. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Eine Vorform des Verschwindens. Des unbedachten Abschiednehmens. Ein klein bisschen gewollt, verschämt beiläufig erledigt, häufiger auch gänzlich absichtslos. Kein gespürter Verlust, mehr ein Räumen. Platz schaffen. Beiseite legen. Was das mit der Foto-Kryptik zu tun hat? Bilder machen und begründen keinen Sinn. Sie tragen das Signum des Vergessens bereits in, besser, an sich. Sie ordnen bzw. räumen. Ununterbrochen. Anders formuliert, sie tackten ein, geben Raum und Zeit Struktur und Betrachterinnen und Betrachtern Orientierung. Hielte sich jemand an einem „Bild“ zu lange auf, fällt sie oder er aus „dem Rahmen“. Im „Alltagsmodus“ undenk- und nicht lebbar. Belanglos wird das Bild, werden Bilder dadurch nicht. Sie „halten“, als Sehen, am Leben. Tag für Tag. Sinn geben Kontext, Gruppe, situatives Erleben, ästhetische Gepflogenheiten, Kommunikation und vieles mehr. Heben Kunst und Muße Bilder aus Fluß und Geschwindigkeit heraus? Nicht wirklich. Sie erwirken einen zeitlichen Aufschub und schaffen Resonanz für eine Reflexion, die aus dem Verschwinden ein bedachtes Abschiednehmen - so oder so - macht. Im Wissen darum, das ich Ort und Gegenstand des Betrachtens verlassen muß, dass jede Bildbetrachtung eine Bilderflut auslöst, die das Vorhandene „kenntlich stanzt“ und mit allerlei Bedeutungen „überwölbt“ und „verdrängt“, liegt der Gewinn - neben dem ästhetischen (Miß)Vergnügen - im Genuß daran, „Zeit gehabt“ zu haben. Die Foto-Kryptik, kommen wir auf den Anfang zurück, kennt keinen Stil-Willen, keine Objektreferenz, keine Ordnung. Ablegen, liegen lassen, vergessen ist ihr ein so selbstverständlicher Bewegungsmodus, wie Betrachterinnen und Betrachter die Bildinformationen im Vorbeisehen vergessen, um Platz zu schaffen für’s Leben.

Dienstag, 8. Februar 2011

Montag, 7. Februar 2011

Leidkultur


„Manche Umarmungen", sagt Salomon Korn, „(…) sind mit Vorsicht zu genießen. (…) Gewiss: Die Geschichte der Juden in Deutschland reicht 1700 Jahre zurück: aber Verfolgungen, Ausgrenzungen und Massenmord durchziehen diesen Zeitraum bis in die Neuzeit. "Christlich-jüdische Wurzeln" wird man da schwerlich finden.“

Sonntag, 6. Februar 2011

Erotisches Neukölln




Erotik ist die „tik“-Form von Erröten. „Erröten, Herzklopfen, ein schlechtes Gewissen – das kommt davon, wenn man nicht gesündigt hat“, sagt Karl Kraus. Aus unterschiedlicher Richtung rücken Sevgi Kaygun und Ulrich Rastetter Geschlechter in den Blick. Sündhaft spielerisch, phantasievoll, fließend, andeutend deutlich, mal grell, mal warm im Ton, verbogen, verschlungen, Körpergrenzen markierend und angenehm lustvoll. Eine Woche hat noch Zeit, wer sein schlechtes Gewissen, diese Ausstellung bisher nicht besucht zu haben, beruhigen möchte. Wer das nicht schafft, kauft Bierdeckel. Und trinkt sich einen.

Samstag, 5. Februar 2011

Alternativlos glücklich


Entropie ist ein Begriff aus der Physik. Er besagt, dass geschlossene Systeme eine Tendenz haben, ihre innere Ordnung zu verlieren und damit dem Chaos zustreben. Dieser Vorgang ist in geschlossenen Systemen nicht umkehrbar. Nur in offenen Systemen, beispielsweise in einem Organismus, kann aus Unordnung dank Selbstorganisation neue Ordnung entstehen. Politisch formuliert, Systeme, die keine Alternativen zur Verfügung stellen, bekommen über kurz oder lang Probleme. Sie sind, haben Interessen erst einmal den Kosmos weltanschaulich unproblematischer und allgemein geteilter Überzeugungen verlassen, unterkomplex. Schützt uns das vor Stillstand? Alternativlos sei die Kost, sagt Frau Merkel, die sie uns und ganz Europa angedeihen lassen möchte. Was sie damit sagt? Es gibt keine Alternative. Nicht im, nicht zum System. Entropie ist ein Begriff aus der Physik. Er besagt, dass geschlossene Systeme eine Tendenz …………………………

Freitag, 4. Februar 2011

Neuköllner Stolpern


Stolpern bringt aus dem Gleichgewicht. Was folgt, ist zumeist eine kurze, spontane Laien-Choreographie. Heftiges Rudern mit den Armen, Ausfallschritte, ein Hin und Her mit dem Oberkörper. Der Kopf kurzfristig abgeschaltet, alle Konzentration auf’s Wesentliche gerichtet: Den Ausgangszustand wieder herstellen. Gleichgewicht, Gradegehen, sein Ziel erreichen. Absichtsvoll gelegte Stolpergründe müssen sich „erklären“. Kommen sie glänzend daher, wollen sie den Kopf, nicht den Körper. Deutlich vom grauen Kopfsteinpflaster abgehoben, fallen sie auf: Die Stolpersteine. Mit der Gravur betritt man Namen und Daten. Hinweis auf Lebensgeschichten, die sich mit dem Haus verbinden, vor dem sie ins Pflaster eingelassen sind. Unaufdringlich aber andauernd erinnern sie an eine gern vergessene Dimension des Faschismus. Es waren Nachbarinnen und Nachbarn, Bürgerinnen und Bürger, die man gezeichnet, drangsaliert, entrechtet, beraubt, schließlich aus dem Haus geschleppt und ermordet hat. Die Steine rücken das Erinnern in die Mitte. In den Alltag. Wo es hingehört. Insbesondere in Deutschland. Wo die Mitte gern beschworen, aber vergessen wird, dass die „Zeit“ zwischen 1933 – 1945 ein Projekt der Mitte war. Organisiert, getragen, ideologisch ausstaffiert und finanziert von den damaligen alten wie neuen konservativen Eliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Heer und staatlicher Bürokratie. „Ränder“ mögen seismographische Funktionen haben. Sie besitzen aber weder die Kraft, noch das nötige „Know-How“, um Gesellschaften zu bewegen. Gefahr ist im Verzug, wenn, wie Heitmeyer u.a. jüngst beschrieben, in den „oberen Etagen“ eine „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ Fuß fasst und in eine aggressive, „rohe Bürgerlichkeit“ mündet. Ihr Fazit: „Bildung wirkt der Abwertung nicht entgegen“. Man kann es auch so ausdrücken, wie Jack Terry es vor wenigen Tagen in einem Interview tat. "Im Land von Schiller und Goethe und Kleist kann man sehen, dass Literatur und Kultur die Menschen nicht unbedingt humaner machen. Wenn ein Nazi den ganzen Tag lang Babys töten kann und nach Hause kommt und Beethoven oder Mozart hören kann, wie wollen Sie das erklären?" Jonathan Littell hat’s versucht. Sein voluminöses Werk - Die Wohlgesinnten - „imaginiert“ Geschichte, fußt auf präzise recherchierten Daten, Biographien, zeitgeschichtlichen Abläufen und veröffentlichten Forschungsergebnissen. Littell erzählt die Jahre 1941 – 1945 aus Sicht eines SS-Offiziers, Akademiker, Bach - Liebhaber. So wenig, wie der Roman „wahr“ ist und sein will, so viel „Wahrheit“ bringt er „an den Tag“. Es sei jeder und jedem empfohlen, die verstehen wollen, wie ein (klein)bürgerliches (Kultur)Milieu profanen Alltag, industrialisiertes Morden und Krieg „synchronisiert“. Ganz Mitte. Vor'm Haus, sozusagen, wo heute die Steine liegen. Das Neuköllner Kulturamt hat dankenswerterweise aus dem „Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus“ die Daten herausgefiltert, die sich auf Neuköllner Bürgerinnen und Bürger beziehen. Reinschauen.

Dienstag, 1. Februar 2011