Donnerstag, 16. November 2023

„Wir atmen doch, wir verändern uns!“ (S. Beckett) III

 In Räumen denken

Pasolini führt keine Verletzungen vor. Pasolini setzt in seinem Film „Teorema – Geometrie der Liebe“ die Institution Familie einem Säurebad aus. Verletzungen setzen Kommunikation und Auseinandersetzungen voraus. Diese Familie, einschließlich der einzigen Hausbediensteten, verharrt in Sprachlosigkeit. Der Film, wie auch der Roman, ist ein '68'er - Kind'. Kapitalismus - das auf Ausbeutung beruhende Haben, Besitzen,Verwerten - und die inneren wie äußeren Bande menschlichen und unverstellten Zusammenlebens, Begehren, Wünsche, Vertrauen, in der als Chiffre zu verstehenden Sexualität verdichtet, können und kommen nicht zusammen. Dies die Ausgangslage, das Ausgangstheorem, die Versuchsanordnung von Pasolini. Die Oper von Batistelli, seit Juni auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin, muss im Heute, 55 Jahre sind seither vergangen, ankommen.

Wir sind mehrfach gefordert. Wir folgen im ersten Teil einem eher traditionellen Musiktheater in zweistöckiger, mit jeweils vier Räumen - Küche, Esszimmer, Schlafzimmer, das Zimmer der Tochter - ausgestatteter Kulisse. Karg eingerichtet, aber opulent und farblich raffiniert ausgeleuchtet. Das Szenengeschehen, sparsam in den Bewegungen, fast schattenhaft wirkend, wird immer wieder - wir kennen dies aus dem Theater - live mitgeschnitten und zeitgleich auf Leinwand projiziert. So werden den Spielszenen Goßaufnahmen der Familienmitglieder in Schwarzweiß hinterlegt. Die Regie eröffnet einen weiteren Raum. Wir schauen parallel zum Handlungsgeschehen einem Forschungsteam in sterilen Laboranzügen zu. Wir beobachten die Beobachter so lange beim Beobachten, bis sie Entscheidungen treffen und ins Spiel eingreifen. In die 'Versuchsanordnung' schicken sie einen der ihren als Besucher. Der mischt auf, bietet sich und seinen Körper als Gespielen an und erweckt die Familienmitglieder aus ihren Erstarrungen. Das und was sich ändert erfahren wir - neben Gestik und Spiel - über Daten, die, auf Gaze projiziert, Auskunft über den (Gesundheits)Zustand - Puls, Blutdruck, Körpermaße - der Beteiligten übermitteln. Die Forscherinnen und Forscher sind es im Übrigen, die die Gesangsparts übernehmen, mit denen sie nach und nach ins Geschehen musikalisch intervenieren. Sie sind es auch, die im zweiten Teil der Oper in die Rollen der Familienmitglieder schlüpfen.

Nach Abreise des Gastes geben im zweiten Teil der Oper - vor und in nach und nach entleerten Räumen - Filmprojektionen mit bewegten Horizonten und 'laufenden' Landschaften den Rahmen für allerlei Versuche, den neu gewonnenen Freiheiten im alten Familienkorsett Raum zu geben. Nichts davon gelingt. Die Familienmitglieder enden schließlich in Wahnsinn, Promiskuität, Heiligsprechung und ziellosem Künstlertum. Es ist der Vater, nackt und bloß, aller Habe entledigt, allein in der Wüste, der mit einem verzweifelten, abgrundtiefen Schrei das Werk beendet.

 


 

„Giorgio Battistelli, dem Grandseigneur der italienischen Gegenwartsmusik, ist,“ so schreibt Roland Dippel in seiner Besprechung zur Aufführung, „etwas Außerordentliches gelungen.“ Und weiter: „Mit feinsten Streicherlinien, aus vielfältig schattierenden und fluoreszierenden Soli der Hörner, der Hölzer und Farben wie zum Beispiel eines Akkordeons, das in der Orchesterbesetzung gar nicht aufscheint, entsteht Battistellis Musikstrom.“ Ich lasse das so stehen, da ich weder Musikwissenschaftler bin noch jemals die Feinhörigkeit und die passenden Worte aufbringen werde, um etwas so schön formulieren zu können. Insbesondere Strom scheint mir der passende Begriff, weil die Musik - ohne zu überwältigen - durchgehend treibt, stimmig trägt, richtet wie koloriert, fließt und perlt, Hindernisse in Form von Stromschnellen überwindet, an die Ufer ausweicht und mäandert, unerwartet Fahrt aufnimmt und dann wieder staut, wo Geröll den Weg verengt. Es geht, daran scheint kein Zweifel, stromabwärts, dem Meer entgegen. Schicksalhaft? Wohl nicht, wir bleiben ja Beobachter und entgehen dem Schicksal des Forscherteams, dass sich in seinem Objekt schließlich verliert, mit ihm eins wird. Wir verlassen das Theater in der Gewissheit, dass wir „an (unserer) Geschichte weitermachen, sie beenden und eine andere anfangen“ können.

Glück gehabt

Wo früher gebraut wurde, was (Arbeiter)Kehlen spülte und den Alltag vergessen ließ, ist heute sinnliche Anregung zu finden. Gemälde, Skulpturen, Installationen, Video und Film, Lesungen und Perfomances. 'Kulturgüter', Bier wie Kunst, früher und heute. Zuviel davon 'macht Kater'. Wohl temperiert und sorgsam zubereitet, bergen sie Glücksversprechen. So zuletzt (im Juli/August), berückend und berührend, die Oper "As If NoMisfortune Had Occurred in the Night" von Larissa Sansour und Søren Lind.

Uns empfangen zwei stark abgedunkelte Räume, zwar getrennt, aber klanglich miteinander verbunden. Im ersten schauen wir auf eng von der Decke hängende Bäume, einen Wald andeutend, über einem großen, flachen, mit Wasser gefüllten Becken. Nichts, was sich sofort und von selbst erschließt. Zu hören ist bereits der Gesang von Nour Darwish. Der irritiert, fasziniert und zieht an. Im zweiten Raum folgen wir ihr in einer groß projizierten, dreikanaligen Videoarbeit durch die gut 20minütige Oper. Deren Herzstück ist die Verbindung des palästinensischen Volksliedes Al Ouf Mash’al mit Gustav Mahlers Kindertotenliedern. Hier gehen europäische Musiktradition und die volkstümliche arabisch-palästinensische Tradition eine beglückende Liaison miteinander ein. Beide raumgreifend und hörbar selbstbewußt, dann ineinander verwoben, aufeinander antwortend und schließlich im Wechsel von Chor und Sopranistin im "Call und Response Modus". Beide Werke beklagen den Verlust von Kindern. Hier die Mutter, die ihren Sohn in den Kriegsdienst für das Osmanische Reich ziehen sieht, dort der Verlust zweier seiner Kinder, die der Dichter Friedrich Rückert in Gedichten beklagt, die Mahler schließlich vertont. Die Videoarbeit bezieht dokumentarische Aufnahmen aus diesen Zeiten ein.

Wir versuchen, sagt Larissa Sansour, „einen neuen Blickwinkel ein(zu)nehmen, um Licht in einen politischen Diskurs zu bringen, der in eine Sackgasse geraten ist.“ Wir wollen, sagt sie weiter, „einen eigenen Raum (...) schaffen, in dem diese Themen (Krieg, Tod, Vertreibumg, Verlust und Trauer) auf eine andere Art und Weise besprochen werden können.“ In einer 'in Echtzeit' verbundenen Welt sind lokale politische Probleme, ob wir wollen oder nicht, immer auch universelle Probleme. Sie gehen uns alle an. Die Arbeit von Sansour und Lind könnte daher nicht aktueller sein. Warum? Wir stehen am Rande eines dritten Weltkrieges. Ausgang ungewiß. Ein Übergang? Der Tod von Kindern - ob durch Krieg oder Krankheit - zeigt an, was im Kleinen wie im Großen fehlen wird: Zukunft. Ob die Männer und Frauen der 'Kriegswirtschaft' sich durch diese, Trauer und Trost, versöhnliche Töne mit tiefer Melancholie verbindende Musik anrühren lassen, darf man bezweifeln.

Vor 100 Jahren, erfahren wir, haben die Palästinenserinnen ihre besten Kleider in Indigo gefärbt, anstatt Schwarz zu tragen, wie sie es heute tun, wenn sie in Trauer sind. Die Sängerin, so endet die Videoarbeit und erklärt die bereits erwähnte Rauminstallation, tut es ihnen nach. Ihr weißes Kleid nimmt, nach einem Bad, Blauton an. Indigo besitzt eine hohe Farbstärke und ist in Wasser schwer löslich. „Es ist“, läßt uns Larissa Sansour wissen, „eine Art Symbol dafür, das man den Schmerz nie wegnehmen kann, dass er immer bei einem bleibt.“

Was ist?

„Es ist ein langer Weg dahin, wo keiner mehr weinen muss“, schreibt das PR-Blatt zur Musical-Aufführung in der Neuköllner Oper. „Schön, dass Sie ihn mit uns gemeinsam gehen!“ Da will ich denn doch ein bisschen gegenhalten. Das Leben um das Weinen gebracht, hieße, Wein ohne Trauben gewinnen zu wollen. Wer will das trinken? Trauer, Mitgefühl, innere Rührung, Verschwisterungen nach Zerwürfnissen und vieles mehr sind ohne Weinen nicht zu haben. Reibung, soziale Konflikte, Trennungen, das immer wieder neue Austarieren tragfähiger und strittiger Lebensmodelle und auch Schmerz und Tod gehören untrennbar zum Leben dazu. „Tod und Sterben sind Vollzüge des menschlichen Lebens, in denen der Mensch, soweit sein Leben an der Humanität teilhat, im Tiefsten mit Anderen verbunden ist.“ (E. Angehrn, Vom Anfang und Ende, Frankfurt a.M. 2020, S. 209) Eine Erziehung zur 'Kriegstüchtigkeit' löst diese Verbindung auf. Ihr ist der Andere ein Feind.

 

          „Niemand auf der Welt“, lässt Beckett Clov traurig sagen, „hat je so verdreht gedacht wie wir.

          Hamm: Man tut, was man kann.

          Clov: Man hat unrecht.

          Hamm: Du hältst dich für gescheit, nicht?

          Clov: Gescheitert!“

 



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen